Lebensgefühl Rockmusik HH aus EE
Stern-Combo Meissen „Weißes Gold“ die Jubiläums-Edition (Sony Music/Amiga, 2018) CD 1: Die Unveröffentlichte / Rundfunkproduktion 1978          Das Original / AMIGA-Produktion 1979 CD2:  Das Vermächtnis / Studio-Produktion 2001          Die Neuproduktion / Studio-Produktion 2018 Die Unveröffentlichte: Ouvertüre / Traum / Gold / Largo / Flucht / Zweifel und Hoffnung / Böttgers Lied / Finale (Porzellan) Das Original, Das Vermächtnis & Die Neuproduktion: Ouvertüre / Der Traum / Des Goldes Bann / Der Goldmacher / Die Flucht / Zweifel / Die Erkenntnis / Weißes Gold  Als   die   Anfrage   kam,   ob   ich   für   die   Jubiläumsausgabe   von   „Weißes   Gold“   der   Stern   Combo   Meissen   eine   Rezension schreiben   würde,   habe   ich   erst   einmal   tief   in   mich   hinein   gelauscht.   Diese   Kapelle   kenne   ich   wirklich   seit   ihren   frühesten Auftritten,   der   Vater   von   Martin   Schreier   war   einer   meiner   Dozenten   (für   Geschichte)   in   Siebeneichen   und   ich   liebe   das Gesamtwerk   der   Combo,   trotz   ihrer   Wandlungen,   Tiefen   und   Höhen.   Genau   deshalb   spüre   ich   auch   Respekt   vor   dieser schönen Aufgabe, meine Gedanken und Eindrücke zur Jubiläums-Edition „Weißes Gold“ aufzuschreiben. Die   insgesamt   vier   Veröffentlichungen   schlagen   einen   gewaltigen   Bogen,   der   durchaus   über   ein   halbes   Menschenleben reicht.   Allein   sich   das   vorzustellen,   flößt   Respekt   ein.   Dass   40   Jahre,   vom   analogen   zum   digitalen   Zeitalter,   zudem   unter Berücksichtigung    der    zwischenzeitlich    abgelaufenen    historischen    Umwälzungen    in    Deutschland,    eine    gigantische Grätsche   bedeuten,   merkt   man   dem   Werk   beim   Hören   heute   überhaupt   nicht   an.   Die   Musik   der   Meissener   repräsentiert zeitlose   Kunst   im   gleichen   Maße,   wie   man   heute   international   auch   über   die   „Valentyne   Suite“   (1969)   von   Colosseum reflektieren   würde,   auch   wenn   deren   Kontext,   historisch   bedingt,   ein   größerer   ist.   Der   künstlerische   Anspruch   und dessen Umsetzung indes sind durchaus vergleichbar und mir würden noch mehr solche Vergleiche einfallen. Was   man   beim   Hören   sofort   spürt,   sind   die   ungeheure   Dynamik   und   Energie,   die   in   der   Aufnahme   von   1978   stecken und   nach   vier   Dekaden   immer   noch   wirken.   Die   „Ouvertüre“   und   der   „Traum“   sprudeln   förmlich   in   die   Ohren,   nisten   sich lyrisch    und    thematisch    ein,    verzaubern    durch    wundervoll    gesungene    Vokalisen    und    führen    bis    zum    „Gold“.    Das Grundthema   erklingt,   das   man   natürlich   sofort   erkennt   und   die   Worte   von   Kurt   Demmler   wirken.   Das   „Largo“   skizziert uns   das   historische   Umfeld,   in   dem   sich   der   Wunsch   nach   einem   Wunder,   dem   Gold,   manifestiert.   Hier   hören   wir   auch rezitierend   noch      einmal   die   Sprechstimme   von   Reinhard   Fißler.   Wir   machen   die   Bekanntschaft   mit   Böttger   und   erleben dessen   „Flucht“.   Wieder   hören   wir   Vakalisen   über   treibenden   Rhythmusgeflechten,   einem   am   Jazz-Rock   jener   Zeit orientierten   Part:   „Und   schließlich   für   immer   gefangen.“   -   „Zweifel   und   Hoffnung“   reflektiert   die   Gedanken,   Hoffnungen und   Ängste   des   Böttger   mit   einem   Text,   der   ausschließlich   den   Zwiespalt   des   Mannes   umschreibt:   „Hält   die   Erde   nicht noch   mehr   parat,   als   Gold?“   Das   alles   zu   einem   aufwühlend   trotzigen   Sound   der   Tasten,   bis   hin   zum   düstreren Crescendo,   wo   aus   Zweifel   die   Hoffnung   erwächst   und   in   „Böttgers   Lied“   mündet:   „Ist   jeder   Mensch   ein   Glühen,   bis   er Asche   wird?“   Dem   nunmehr   wild   entfesselten   Spiel   der   Tasten   erwächst   die   Zuversicht,   die   ins   „Finale“   und   in   den abschließenden   Chor   einmündet:   „Und   noch   heute   wird   so   zu   Gold   unser   Meißner   Porzellan.“   Aus   einer   Idee   wurde   so im   Jahre   1978   eine   rock-musikalische   Hommage   an   den   Erfinder   des   Meißner   Porzellans,   Johann   Friedrich   Böttger.   Es macht Freude, diese Version endlich in die Ohren zu bekommen. Diese   erste   Fassung   gleicht   einem   Rohdiamant,   noch   ungeschliffen,   rau,   kantig   und   seinen   wirklichen   Glanz   verbergend. Den   wollte   die   Combo   so   nicht   öffentlich   machen.   Erst   nachdem   die   Einarbeitung   weiterer   musikalische   Feinheiten   und die   Überarbeitung   der   Textvorgabe   von   Demmler   abgeschlossen   waren,   erscheint   das   Original   im   Jahre   1979   als Langspielplatte   bei   Amiga.   Hier   konzentriert   sich   die   lyrische   Komponente   nicht   mehr   ausschließlich   auf   die   Person   des Böttger,   sondern   stellt,   ähnlich   wie   im   „Kampf   um   den   Südpol“   die   philosophische   Fragen   nach   dem   Woher   und   Wohin, nach   dem   Sinn   in   den   Mittelpunkt   der   Komposition.   Jetzt   klingt   das   rock-sinfonische   Werk,   erweitert   um   ein   Orchester und   einen   Chor,   rund,   ist   in   sich   geschlossen   und   sehr   homogen.   Heute   den   Vergleich   zwischen   der   „Unveröffentlichten“ und   dem   „Original“   zu   hören,   ist   ein   wahrer   Genuss,   lässt   man   sich   Zeit,   die   erste   CD   in   einem   einzigen   Rutsch durchzuhören. Zwanzig    Jahre    später    hat    eine    technologische    Umwälzung,    vom    analogen    Mehrspuren-Studio    hin    zur    digitalen Wunderwelt,   völlig   neue   Voraussetzungen   für   Musiker   geschaffen.   Dass   die   Combo   im   Zuge   dieser   Entwicklung   auf   die Idee   kommt,   bereits   Geschaffenes   an   diesen   Möglichkeiten   zu   messen,   sich   neu   auszuprobieren,   kann   niemanden wirklich   verwundern   (viele   von   uns   haben   sich   damals   von   den   Vinyl-Platten   zugunsten   der   CD   getrennt.)   Dass   das „Weiße   Gold“   in   den   Wirren   jener   Tage   nur   eine   „Unveröffentlichte“   und   zunächst   auch   unvollendet   blieb,   war   aus heutiger    Sicht    durchaus    eine    kluge    Entscheidung    (oder    hat    sich    nicht    anders    ergeben).    Sie    dokumentiert    einen Zeitabschnitt,   aber   nicht   wirklich   einen   weiteren   Schritt   zu   neuer   Qualität   oder   qualitativer   Steigerung.   Das   alles   wird erst    mit    einem    personellen    Neuanfang    nach    dem    zu    frühen    tragischen    Tod    des    überragenden    Keyboarders    und Komponisten Thomas Kurzhals sowie dem „Glücksfall“ Manuel Schmid, möglich. Die   jetzige   Neuproduktion   des   Werkes   ist   letztlich   ein   folgerichtiger   Schritt,   mit   dem   nun   endgültig   die   Transformation   zu den   heutigen   Klangmöglichkeiten   vollendet   wurde.   Eigentlich   gab   es   bisher   nur   die   Vinyl-Fassung   (1979)   zum   Anhören, klammert   man   den   Live-Mitschnitt   vom   Potsdamer   Platz   auf   DVD   und   CD   (2013)   einmal   aus.   Basierend   auf   der   schon vorgefertigten   Produktion   und   mit   Manuel   Schmid   dem   treibenden   kreativen   Künstler   -   sowohl   als   Sänger,   aber   auch Keyboarder   -   erweckte   die   Combo   für   die   Neuproduktion   verborgene   Nuancen   und   kleine   Feinheiten   zu   neuem   Glanz. Außerdem   wurden   zwei   Neufassungen   aus   früheren   Tagen,   sowie   die   bereits   produzierten   Soli   von   Thomas   Kurzhals,   in mehreren   Segmenten   einbezogen.   Mit   diesen   eingespielten   Passagen   wird   diese   „Neuproduktion“   nun   endlich   zu   einem besonderen   Klangerlebnis   und   den   aktuellen   Höransprüchen   gerecht.   Hervorzuheben   sind   die   besonderen   Mühen   von Manuel   Schmid   sowie   die   Idee,   Gunther   Emmerlich   als   Sprecher   hinzu   zu   bitten,   der   damit   quasi   das   kleine   aber   feine Sahnehäubchen   dem   Konzeptwerk   aufsetzt.   Gunther   Emmerlich   modelliert   und   gestaltet   überaus   einfühlsam   und perfekt,   setzt   seine   geschulte   Stimme   und   deren   warmes   Timbre   gekonnt   ein.   So   bereichert   er   das   Meisterwerk   auf unvergleichlich   harmonische   Weise.   Besser   kann   das   „Weiße   Gold“   jetzt   nicht   mehr   werden.   Es   hat   seine   ganze   filigrane Schönheit   und   schillernden   Glanz   entfalten,   hat   Bewährtes   bewahren   und   mit   digitalen   Werkzeugen   verfeinern   können. Hinsetzen, Regler auf laut stellen und die klingende Zeitreise inhalieren! Es   ist   ein   intensiver   Genuss,   in   Zeiten   (vor)formatierter   Hör-   und   Verbrauchergewohnheiten,   ein   Stück   Musik   zu erwerben,   das   sich   genau   diesen   kommerziellen   Zwängen   immer   noch   entzieht.   Das   „Weiße   Gold“   hat   sogar   über   die vier   Dekaden   an   Reife   gewonnen   und   der   Hörer   (und   Liebhaber),   der   all   das   zeitnah   miterleben   durfte,   ist   im   Idealfall mit   seinen   Hörgewohnheiten   und   dem   Werk   mit   gewachsen.   Etwas,   was   man   „normalerweise“   eher   nicht   möchte,   weil man meint, das Original in der bestehenden Form unberührt lassen zu müssen. Schön, dass es anders gekommen ist.   Die   Jubiläums-Edition   „Weißes   Gold“   transportiert   ein   gutes   Stück   Zeit-   und   Musikgeschichte,   ohne   die   innewohnenden Reflektionen   und   historischen   bzw.   gesellschaftskritischen   Gedanken   zu   modifizieren.   Die   charakteristischen   Parallelen der   verschiedenen   Veröffentlichungen   sind   kaum   zu   überhören   und   wer   sie   sucht,   kann   aktuelle   Bezüge   schnell herstellen.   Das   macht   zu   einem   wesentlichen   Teil   auch   die   Wirkung   des   Werkes,   von   der   einzigartigen   musikalischen Substanz   ganz   zu   schweigen,   in   heutigen   Tagen   aus.   Die   beiden   CDs   sind   äußerst   geschmackvoll   verpackt   und   mittels eines   Booklets   mit   allen   wichtigen   Informationen   zur   Entstehung   und   Geschichte   ausgestattet.   Die   Covergestaltung lehnt   sich   der   von   AMIGA,   bzw.   auch   der   West-   und   Japan-   Vinylausgabe,   an.   Es   ist   ein   kleines   Juwel   geworden,   nicht nur    für    „alte    Herren“    wie    mich,    sondern    auch    unserer    Kinder-    und    Enkelgeneration    wärmstens    zu    empfehlen. Glückwunsch, meine Herren!   Das Original-Cover der AMIGA-Edition mit den echten Unterschriften aller Bandmitglieder: Fiedler, Fißler, Jäger, Kramer, Kurzhals und Schreier