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Haase & Thalheim – Krampf der Generationen                                                                  01.10.2016 Mit einem Funken Ehrlichkeit im Hinterkopf muss man sich ab und an eingestehen, dass man einst der eigenen Elterngeneration altbackenes Denken zumindest unterstellte, dafür die eigene Querköpfigkeit als Fortschritt lobend anbot. Heute, Jahrzehnte gereift, bin ich einen Schritt weiter. Ich frage mich oft, warum meine Nachkommen nicht ebenso handeln, wie ich, und nicht einfach das tun, was ich ihnen, ganz ohne den erhobenen Zeigefinder natürlich, vorgelebt habe. Es sieht so aus, als ob sich die Dinge wiederholen, nur eben anders.     Es ist der erste Oktobertag und meine Welt ist verregnet. Im kleinen Klub unter der Bibliothek treffe ich abends auf zwei Ausnahmekünstler. Die eine, BARBARA THALHEIM, könnte vom Alter her locker meine Schwester sein und der andere, CHRISTIAN HAASE, mein Sohn. Die Lebensjahre einer ganzen Generation liegen zwischen beiden und, siehe oben, sicher auch ebenso viele Erfahrungen, nur eben in anderen Zeiten, gar anderen Systemen gemacht. Oder doch nicht? Da darf man neugierig sein, was beide beim „Krampf der Generationen, mitzuteilen haben. Deswegen bin ich ja hier. CHRISTIAN HAASE ist einer, den ich am Ende meiner sechsten Lebensdekade wahrgenommen habe. Sehr viel eher war er als Liedermacher auch gar nicht da. Auf der Bühne hat er etwas, was mich sehr anspricht und meine Gedanken in Bewegung hält. BARBARA THALHEIM entdeckte ich Ende der 60er durch die Singebewegung, deren fester Bestandteil sie jedoch nie wurde. Sie war nicht so glatt, nicht so leicht zu verstehen und irgendwie schien sie mir widerborstig. Nur wenige ihrer Lieder kamen bei mir, dem Jungen aus der Provinz, wirklich an. Eigenartigerweise das von der „Schönhauser“, aber das mag auch an meinen Monaten in Berlin liegen und dem Weg, der mich durch diese Straße führte. Wie würde eine Grande Dame deutscher Liedkunst mit so einem liebenswürdigen Schnösel umgehen? Gar nicht, sie ließ ihn kommen, so mein Eindruck. Das schon mal vorweg. Zunächst kommen sie beide. Jeder auf sein Podest mit der „Besucherritze“ dazwischen, die später die ihr zugedachte Rolle spielen wird. HAASE singt, „wie er ist“ und die THALHEIM „In eigener Sache“ und ein wenig nimmt der jeweils andere die Stimmungen auf, noch tastend. Sie plaudern davon, dass man sich schon mal traf. Das Kennenlernen aber wurde von außen angestoßen und vor meinem geistigen Auge hat sich das Bild eines sehr großen Raumes in Leipzig, mit Drahtseilen in halber Höhe und alten Teppichen darauf liegend, festgehakt. HAASE ein “Fabrikbesetzer”! Wie sie sich dabei munter die Bälle zuwerfen, sie eher defensiv und er fast schon süffisant, das ist ein Genuss. Irgendwann geht’s um die Liebe und BARBARA THALHEIM so ganz nebenbei und trocken: „Liebe ist nicht Liebe machen, sondern miteinander lachen.“ Von nun an muss jeder für sich Nachdenken und Lachen für einen ganzen Abend in Einklang bringen. Wir erfahren, was Dreigroschenromane und einen Friedhof miteinander verbindet, dass HAASE sich an Gruppen ranhängen sollte und welche Rolle dabei einem Herrn Melke zukam. Dazu singt HAASE von den „alten Schwertern voller Rost“. Die THALHEIM philosophiert von Weltanschauungen und „sich die Welt anschauen“ und fügt „Sehnsucht nach der Schönhauser“ ein. Spätestens danach bin ich weg und alle. Diese Frau ist Faszination pur. Wie sie still dem Bühnen- sprich Podestpartner ein Lächeln schenkt und dennoch irgendwie auf Abstand setzt, fühlt sich spannungsgeladen an. Was sie sagt, braucht oft nur wenige Worte, aber die sitzen auch. Da ist HAASE, auf der anderen Seite, redseliger und schmückt auch gern aus. Frau THALHEIM kann da vorn sitzen und lässt allein ihre blauen Augen sprechen. Und dann klingt ihre Stimme wieder, mit einem knarzig leisen Touch, dem vom alten Dylan gleich, und ich bin wieder hin. Verdammt, warum habe ich das nicht schon Jahre früher bemerkt? Urplötzlich überfällt uns das „Wir sind das Volk!“ von denen, die diesen Spruch für ihre dunkelbraune Gedankenwelt verschandeln. DAS VOLK will ganz sicher etwas anderes, nur nicht Errungenes einfach so aufgeben. Jedenfalls NICHT mit mir und denen, die ICH kenne. Die beiden Künstler geben mir Mut in diesen Augenblicken, viel mehr, als irgendeiner dieser „gewählten“ Zeitenverpenner. Die trauen uns als Volk ja nicht mal zu, einen Bundespräsidenten selbst auszuwählen und wundern sich dann, dass der Frust in die Puschen kommt. Die Füßen auf dem Boden sieht anders aus! Doch beide muntern auch ganz schnell wieder auf und nehmen jeden einzelnen, mit Wortgeplänkel und ihren Liedern, mit beim „Krampf“, der gar keiner werden will. Mein Empfinden sagt mir, dies ist ein Spiel, eine Vorlage und eine Anregung, gemeinsam über Erfahrungen, das Leben und die Liebe zu sprechen. Mehr Miteinander in Zeiten digitaler Individualisierung. Sie singt von ihren „Siebensachen (jene, die ich wirklich brauche)“ und er vom „Könnte, ist das schlechteren Nie (sagt Marie)“. Ein Spiel, das beide sicher noch lang ausdehnen könnten, denn es gibt viele Themen, die das Leben bereit hält und vielleicht, so denke ich mir, wollen sie ja auch „nur“ zum Nachdenken Gedankenstubser verteilen. Da wären noch ein „Armer Mann“ und der Weibertraum von George Clooney sowie Oma’s staunender Ausruf „Ach, so viel Wasser!“ und wem das nicht reicht, darf sich gern seine eigenen Gedanken zum Thema „Freiheit“ machen. Mir geht die Geschichte von Katharina nah und die Art, wie liebevoll und verletzlich BARBARA THALHEIM sie erzählt. Von Igor und der großen Sowjetunion und was später so rein menschlich bei Katharina davon blieb. Solche Lebensgeschichten berühren, denn solche kommen im TV-Alltag zum Beispiel nicht vor. Und wenn, dann mit so einem schalen Beigeschmack. Deshalb singt die THALHEIM hinterher noch „Herz zu haben“. HAASE erzählt von Leipzig und der BiFi und bei mir bleibt dieser Spruch hängen: „Wer kopulieren will, muss höflich sein“. Aber das (und mehr) muss man sich wirklich von den beiden Künstlern in Blond selbst erzählen lassen. Sonst verfehlt das doch komplett seine Wirkung, wirkt schal, und das wäre, was zum Beispiel Hiddensee betrifft, wirklich sehr schade! Auch der eigenen Erinnerungen wegen, die vielleicht mancher an die Insel hat. Irgendwann, zu vorgerückter Stunde, und irgendwie schließt sich ein Kreis des Erzählens, von Fragen und kritischen Beobachtens mit der Fabel von der Düne und der „weißen Wolke“ darüber. Schon oft hab’ ich dieses Lied und die Geschichte dazu gehört. Doch ausgerechnet heute Abend geht mir dabei eine völlig andere Melodie durch den Kopf, denn sie passt: „All You Need Is Love“! Wie sagte HAASE und fast „Zum Schluss“? – Liebe stirbt nie, sie verändert sich nur! Und alle klatschen Beifall. Ich bin ziemlich aufgewühlt in die Nacht hinaus gegangen. Schade, dass der Weg nach Hause diesmal kurz war. Dann denke ich eben in den nächsten Tagen, und denen danach, weiter. Schließlich sind schon zwei Enkel da, das dritte Enkelchen unterwegs, und sie alle wollen ja später auch was vom Krampf der Generationen haben und das Nachdenken lernen. Sollen sie auch!