Lebensgefühl Rockmusik HH aus EE
Käpt’n Rummelsnuff auf der Brücke in Quedlinburg                                                  18.05.2018 Vor vielen Jahren hielt mir ein Freund aus dem Cäsar-Fanclub eine CD unter die Nase und flüsterte mir dabei etwas von modernen Arbeiterliedern und Shanties ins Ohr. Bei letzterem wurde ich hellhörig und dachte an eine Type wie Achim Reichel von den frühen Rattles. Eine Mischung aus elektrischer Gitarre plus Akkordeon schwirrte durch meinen Kopf und dann wollte ich alles schnell wieder vergessen. Doch zu Hause siegte die Neugier und ich zog mir via YouTube „Salzig schmeckt das Meer“ sowie „Trägt die Woge dein Boot“ durch die Gehörgänge. Da war es passiert. In den letzten Dezembertagen 2012 fuhr ich dann von Elsterwerda nach Cottbus und sah dort RUMMELSNUFF live auf der Bühne im Gladhouse bei einer großen Vorsylvesterparty. Ich erlebte den Muskelprotz plus seinen Gitarristen, den Maat, mit derber Strommusik. Ich sah, wie nicht nur die jungen Leute dazu in Begeisterung schwelgten. Dieser Auftritt hat mir unheimlich viel Spaß gemacht und ich wusste, wenn es sich ergeben würde, gönne ich mir diesen Spaß noch einmal. Heute Nachmittag entdeckte ich zufällig den Termin in Quedlinburg. Der Abend ist gerettet, der Käpt’n ist im Harz! Ich habe fünfzig Jahre meines Lebens in Elsterwerda gelebt, nur zwanzig Kilometer zum sächsischen Großenhain. Dort wurde 1966 Roger Baptist geboren und ich ging in die 10. Klasse der EOS nebenan.  Dies waren die Jahre der Beat- Musik, die Roger Baptist nur noch aus Erzählungen seiner Eltern kennt, die beide Musiker waren. Reni Baptist, seine Mutter, hatte das absolute Gehör, sang eine Zeit lang in der Combo ihres Mannes und dann etwas später im Gerd Michaelis Chor. Inzwischen nennt sich Roger KÄPT’N RUMMELSNUFF und hat „Das Buch“ über sich und sein wildes Leben als experimentierender Punk des Ostens geschrieben. Im Jugendzentrum von Quedlinburg würde er daraus vorlesen, konnte man im Netz lesen. Also fahre ich hinüber in die Stadt der Fachwerkhäuser und des Weltkulturerbes, um zu hören. Zwanzig Kilometer statt zweihundertfünfzig Richtung Dresden. Das hätte eine völlig andere Geschichte werden können, sollte aber leider nicht sein. Stattdessen RUMMELSNUFF. Die Fachwerkhäuser in der Altstadt von Quedlinburg gehören zum Weltkulturerbe und sind teilweise wunderschön anzusehen. In einem dieser historischen Gebäude hat das Jugendzentrum sein Domizil. Beim Betreten fühle ich mich an meine wilden Zeiten erinnert und sofort wie zu Hause. Als der kleine Saal im ersten Obergeschoß prall gefüllt ist, betritt der Chef des Ganzen die Bühne, sagt einige Worte zum Programm des Bücherfrühlings 2018 und ruft dann: „Der Käpt’n auf die Brücke!“. Da steht bzw. sitzt er vor uns an einem runden Stehtisch, mit Latzhose, Gürtel sowie der Mütze, und beginnt, aus knapp 200 Seiten vorzulesen. Er meint, dass er pünktlich, wie vorgesehen, das Licht der Welt erblickt hätte und dass er später niemals wieder so linientreu gewesen wäre. Plötzlich befinde ich mich auf einer Zeitreise in meine Jugendjahre und zu bekannten Orten: Großenhain, Zabeltitz und die Combo Quintett 65, in der sich auch ein gewisser Muck und Maschine schon ausprobierten. Die Worte werden von bewegten Bildern einer Schmalfilmkamera dezent unterstützt und von „Needles And Pins“ in der Version der legendären Searchers begleitet. Es wird eine Kindheit wie viele in der DDR gewesen sein, in der ich Violine lernen und er Fagott üben musste, ehe die brachiale Wucht der Rockmusik die kindliche Unschuld in jugendliche Neugierde verwandelte. Bei mir waren es die Beatles, die Stones, die Who und Small Faces der 1960er Jahre. Roger Baptist wird durch deutsche Texte mit Stakkatomusik, er nennt es Dilettantenlärm, wachgerüttelt. Es ist die Zeit der Neuen Deutschen Welle, NDW. RUMMELSNUFF erzählt besser als er liest. Die Schrift ist zu klein, das Licht zu schwach und eine Brille trägt er (noch) nicht. Was dem angereisten Gast aus Bochum, neben mir sitzend, wie Geschichten aus skurrilen Träumen vorkommen mag, war hierzulande gut gelebter Alltag. Oftmals muss ich still in mich hinein lächeln, als er etwa von der Einstufung für die „Pappe“ berichtet, die etwas mit Siebeneichen zu tun hat, oder von dem „Instrumentarium“, mit dem man damals versuchte, Musik zu fabrizieren. Alles war ein großes Abenteuer, das sich zwischen den Zabeltitzer Teichen, Großenhain und Grimma zutrug. Zwischendurch garniert er seine Lesetexte mit Videoschnipseln seiner Band „Kein Mitleid“ und anderen musikalischen Experimenten, deren Sounds mich manchmal an eine Mixtur aus Tubeway Army- Fetzen und Joy Divison-Anleihen erinnern. Wild, rau, ruppig und dennoch originell und von skurriler schräger Schönheit. Dass diese Musik auch „Horch & Guck“ faszinierte und gar interessierte, erwähnt der Käpt’n immer wieder einmal, aber das war sein Privileg nicht allein. Wir hatten alle dieses Vergnügen. Gelebt, gelacht und gesoffen, wie Kuno von Renft einmal feststellte, haben wir dennoch. Die Neuzeit startet an diesem Abend im Jahre 2007 und mit einem Video, das Käpt’ n RUMMELSNUFF beim Ringen und vor dem Olympiastadion zeigt. Sein Hinweis, dass es Ärger gab, weil dieser Bau aus der Nazi-Zeit stammt, lässt mich an den Palast der Republik denken, der aus weit nichtigeren Gründen abgerissen wurde, während das Nazi-Monument noch immer genutzt wird. Es sind die Jahre, in denen er als Türsteher die „Höhle des Lasters“ (keine LKW-Garage) versperrte und parallel irgendwann auch der Name RUMMELSNUFF aus Buchstaben gestanzt wurde. Alles nachzulesen, wenn man „Das Buch“ besitzt. Die musikalische Begleitmusik dazu liefert „Oh Mandy“ und wir erfahren, was dieser Song mit der „Klage eines Alkoholikers“ zu tun hatte und was es mit der Geschichte von den „drei Keksen“ auf sich hat. Der Mann mit der kräftigen Muskulatur und der erstaunlich weichen Sprechstimme meistert die zwei Stunden am Stück locker und mit leisen Zwischentönen, die man hören kann, wenn man sie hören möchte. Da ist eine sanfte Seele und nachdenklicher Charakter hinter Muskelsträngen versteckt. Als einige schon meinen, dies sei das Ende, beginnt RUMMELSNUFF den Nachbrenner zu zünden und startet einen bunten Reigen mit einigen seiner volkstümlichen Schunkellieder aus dem Back-Katalog. Endlich gibt uns „Der Pumper“ die „Bratwurstzange“ auf den Grill und auch „Der Schrauber“ in unsere Ohren. Der Mann, den sie alle den Käpt’n nennen und der von sich selbst in der dritten Person Einzahl spricht und im Buch schreibt, ist in seinem Element. Er genießt es, die nächste Dreiviertelstunde lang Wünsche zu erfüllen, seine (nunmehr) raue Stimme zu strapazieren und Posen zu zeigen. Dem Otto Normalbürger mag das alles absonderlich vorkommen, die hier sitzen und von Rammstein schwärmen, fühlen sich, wie bei „Kuschelschnuff“, sauwohl. Mich inbegriffen, denn so etwas wie „They’re Coming To Take Me Away Ha Ha“ von Napoleoan XIV aus dem Jahre 1966, also dem Geburtsjahr von Roger Baptist, bestand aus gleichem Schrot und Korn und ich habe die Nummer geliebt. Fünfzig Jahre später sind solche skurrilen Werke fast zur Normalität gereift. Wie doch die Jahre vergehen und sich ändern! Scheinbar wenigstens, doch die Moden kehren immer wieder zurück und werden uns als neu verkauft. Wie alle hier, bediene ich mich aus einem seiner „Gerümpelkoffer“. Die Shirts passen mir sicher nicht, aber zwei Karten lasse ich mir unterschreiben und der Chef des Hauses macht vom Käpt’n und mir ein Erinnerungsfoto für die Nachwelt. Dann stehe ich unten auf der nächtlichen Straße, nach drei Stunden ein wenig müde, aber glücklich. Warum der Rock- Harz-Rentner zu solchen Veranstaltungen geht? Weil es ihm Spaß macht, die etablierten und überstrapazierten Krähen- und Maschinenteile allein denen zu überlassen, die das mehrmals im Jahr zelebrieren und weil es erfrischend ist, manchmal zurück zu den Wurzeln zu pilgern. Da sind Pop und Rock noch ruppig, rau und herzlich, statt filigran ausgefeilt und  elegant glattgebügelt. Das hält einen Rock-Harz-Rentner jung im Herzen und er hat Spaß. Den Job als billige virtuelle Supporter sollen andere machen, meinte Käpt’n RUMMELSNUFF. Recht hat er!