Lebensgefühl Rockmusik HH aus EE
Quintessenz live - vierzig Jahre später                                                                      29.09.2018 Es   geschah   im   März   des   Jahres   1978   im   Gesellschaftshaus   „Hoppenz“   Elsterwerda.   Dort   hatte   ich   ein   Jahr   zuvor   meine Konzertreihe   ROCK-MIX   gestartet.   Der   Zufall   in   Gestalt   eines   Herrn   Müller   sorgte   dafür,   dass   die   Magdeburger   Kapelle QUINTESSENZ   das   dritte   Anrecht   im   Frühjahr   eröffnen   durfte.   Damals   war   ich   knapp   dreißig   Lenze   frisch   und   hatte   den Kopf   stets   voller   Flausen   und   neuer   Ideen.   Ich   wollte   gute   Rock-Musik   in   die   Südbrandenburger   Provinz,   sprich   an   den Südrand   des   damaligen   Bezirkes   Cottbus,   bringen.   Die   Band,   deren   Namen   und   Musik   damals   bestenfalls   in   Magdeburg und   Umgebung   bekannt   waren,   lieferte   ein   Durchschnittskonzert   ab   und   ich   war   froh,   dass   dieser   Abend   ohne Zwischenfälle   über   die   alte   Bühne   von   „Hoppenz“   lief.   Danach   hatte   ich   alles   schnell   abgehakt   und   vergessen.   Vierzig Jahre   lang   verschwendete   ich   keine   weiteren   Gedanken   an   dieses   Konzert,   bis   vor   wenigen   Tagen.   Da   entdeckte   ich   die Ankündigung   „Männe   trifft   …   Quintessenz,   Kraal   &   Freunde“.   Sofort   war   ich   hellhörig,   es   kamen   die   Erinnerungen   hoch und   ich   machte   mich   schlau.   Nun   stehe   ich   wieder   in   der   Magdeburger   Feuerwache   und   bin   neugierig,   was   mich erwartet. QUINTESSENZ existierte nur sieben Jahre, von der Gründung 1973 bis zum Auflösung 1980. In dieser Zeit spielten zahlreiche Musiker in der Rockband, die sich später in anderen Kapellen einen guten Ruf erwarben. Diese Tatsache, und dass man nicht zu eigenem Profil mit deutschen Texten fand, mag als Grund für die begrenzte Lebens- dauer gelten, in der Gitarrist Herrmann „Männe“ Deckbar diese Truppe gründete, zusammenhielt und aus deren Resten eine Band namens KRAAL formte. Heute Abend also trifft „Männe“ seine einstigen Mit- streiter wieder, suggeriert ein Poster am Einlass. Wie in alten Zeiten sollen die Nummern jener Tage noch einmal zum Leben erweckt werden. Es könnte ein besonderer Abend werden. Als   Fremder   in   Magdeburg   erwartet   man   natürlich,   dass   Lokalmatadoren,   wenn   auch   aus   vergangenen   Tagen,   von   den alten   Fans   gebührend   gewürdigt   werden.   Der   Saal   sollte   also   gut   gefüllt   und   der   Jubel   zumindest   angemessen   sein. Stattdessen   darf   die   überschaubare   Gästeschar   nach   dem   angekündigten   Beginn   von   20.00   Uhr   noch   weitere   dreißig Minuten   warten,   ehe   der   Gastgeber,   HERRMANN   „Männe“   DECKBAR,   sein   Eröffnungsritual   startet.   Einige   schauen   leicht irritiert,   aber   dieser   kleine   Mann   scheint   schon   eine   Ewigkeit   keine   Bühnenbretter   mehr   unter   den   Füßen   gehabt   zu haben. Dafür   bekommen   wir   als   „Entschädigung“   und   zur   Einstimmung   die   Focus-Nummer   „Hocus   Pocus“   auf   die   Ohren   und die   ist   nicht   mal   schlecht   gemacht.   STEFFEN   GIEBEL,   am   rechten   Bühnenrand   stehend,   zupft   eine   wirklich   exzellente Gitarre,   PETER   EICHSTÄDT,   auf   der   linken   Bühnenseite,   zaubert   mit   den   Tasten   und   HANNES   ANDRASCHKE   beherrscht sogar   das   „Jodeln   a   la   Rock“.   Die   Niederländer   Focus   waren   zu   Beginn   der   1970er   Jahre   unter   Fans   Kult,   ebenso   wie Carlos   Santana.   Von   dem   spielen   die   Magdeburger   „Oye   Como   Va“   und   lassen   dann   noch   „Them   Changes“   von   Buddy Miles,   ganz   ohne   die   Bläsersektion,   folgen.   Beinahe   unauffällig,   aber   äußerst   effektiv   agiert   eine   Rhythmussektion   aus dem   Drummer   BERND   „Affe“   SCHILANSKI,   der   zudem   heute   seinen   69.   Geburtstag   begeht,   und   GERHARD   „Bass-Paule“ PAUL mit seinen dicken Saiten und lassen sich durch nichts von ihrem pulsierenden Tun abbringen. Bis   hierher   gefällt   mir   die   Auswahl   ganz   gut,   weil   die   Songs   stilistisch   gut   zueinander   passen   und   mit   viel   Spielfreude dargeboten   werden.   Als   dann   ein   Wechsel   zu   Police   und   ein   wenig   später   zu   den   Dire   Straits   folgt,   beginnt   man   die Vorlagen   zu   vereinfachen.   Selbst   „All   Your   Zombies“   von   den   Hooters   kann   ich,   ob   der   übersteuerten   Gitarre   von   Männe, nichts    abgewinnen.    Die    virtuosen    Glanzzeiten    des    Bandgründers    sind    wohl    auch    schon    länger    her.    Nur    der offensichtliche   Spaß   auf   der   Bühne,   den   die   Herren   unter-   und   miteinander   haben,   entschädigt   etwas   für   schräge   Töne oder verpasste Einsätze. Die folgende Pause tut vor allem meinen Füßen, aber auch den Ohren, gut. Die   „Runde   2“,   wie   sie   es   nennen,   beginnt   mit   dem   robusten   Allzeit-Kracher   „Black   Night“,   gefolgt   von   „The   Letter“,   dem Original   der   Box   Tops   nachempfunden.   Doch   spätestens   bei   „Still   Got   The   Blues“   ist   das   Dilemma   offensichtlich.   Dies   ist zwar    der    Abend    des    „Männe“    Deckbar,    doch    mein    Empfinden    sagt    mir,    er    wäre    klug    beraten    gewesen,    sich zurückzuhalten   und   einer   passiveren   Würdigung   den   Vorrang   zu   lassen,   statt   mit   einem   Solo   von   Gary   Moore   die   Saiten zu   verknoten.   Männes   Gitarre   ist   über   weite   Strecken   schlicht   zu   laut   und   zudem   übersteuert.   Einige   Gäste   empfinden wohl   auch   so   und   verlassen   die   Spielstätte   vorzeitig.   Ich   finde   trotzdem,   dass   die   Magdeburger   Rock-Oldies   „How   The Gypsy   Was   Born“   von   Frumpy   ganz   gut   hinbekommen,   weil   PETER   EICHSTÄDT   sich   virtuos   hinter   den   Keyboards austoben   darf.   Aber   „While   My   Guitar   Gently   Weeps“   hat   mit   der   „zärtlich   wimmernden   Gitarre“   eines   George   Harrison so   gar   nichts   mehr   gemeinsam   und   das   ist   sehr   schade.   Das   wäre   ein   versöhnlicher   Abschluss   gewesen,   aber   der Eindruck,   der   bleibt,   ist   ein   anderer.   Artig   fordert   man   eine   Zugabe   und   bekommt   die   Wiederholung   von   „Hocus   Pocus“ geboten.   Das   war   es   dann   und   irgendwie   bin   ich   auch   ganz   froh,   meine   achtzehn   Euronen   Eintrittsgeld   jetzt   abgehört   zu haben. Der   Abend   war   als   Rückkehr   in   alte   Zeiten   und   als   ein   Treffen   von   Freunden   des   Magdeburger   Rock-Urgesteins   Männe Deckbar   geplant.   Es   ist   eine   beliebige   Durchschnittsmugge   im   Stil   der   1970er   Jahre   geworden.   Soweit   so   gut.   Ich   hätte mir   dennoch   gewünscht,   dass   die   Songs   des   Abends   sorgfältiger   ausgewählt   worden   wären.   Nach   vierzig   Jahren,   von 1978   bis   heute,      hätte   auch   der   eine   oder   andere   Klassiker   aus   dem   Osten,   sprich   ehemaliger   DDR-Bands,   eine   Chance bekommen   sollen.   Das   darf   ein   zahlender   Musikliebhaber   gestandenen   Profi-Musikern   schon   mal   zumuten.   Das   hätte   die Performance   nicht   so   gewollt   und   verkrampft   erscheinen   lassen.   Im   Grunde   hat   dieser   Abend   meine   Erinnerungen   und Vorbehalten    von    vor    vierzig    Jahren    wieder    aufgefrischt    und    bestätigt.    Das    war    zwar    nicht    gewollt,    aber    mein persönliches Empfinden ist nun mal nicht anders. Manchmal   geschieht   es,   dass   meine   Erwartungen   andere   sind.   Sehr   oft   werde   ich   positiv   überrascht   und   fahre   zufrieden nach   Hause.   Wenn   man,   so   wie   ich,   DDR-Rockmusik   im   Triangel   zwischen   Berlin,   Dresden   und   Leipzig   entdeckt   und genossen   hatte,   sind   die   Erwartungen   entsprechend   hoch.   Selbst   bei   den   Amateurbands   empfand   ich   das   so.   Im   Jahre 1978    lag    Quintessenz    daneben    und    vierzig    Jahre    später    erlebe    ich,    aus    meiner    ganz    persönlichen    Sicht,    die Wiederholung.   Für   mich   die   Enttäuschung   des   Jahres.   Den   Musikern   habe   ich   davon   nichts   gesagt,   ich   wollte   ihnen   das Bier   nicht   vergällen.   Als   kleinen   „Trost“   gestattet   mir   der   Hauseigentümer   das   Poster   aus   dem   Eingansbereich   zu entfernen,   es   mir   signieren   zu   lassen   und   mit   nach   Hause   zu   nehmen.   Jetzt   habe   ich   hier   zwei   verschiedene   Poster   der Kapelle; 1978 und 2018. Das Kapitel ist nun abgeschlossen und versiegelt, für alle Zeiten!