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Bartsch & Lehrmann – Zirkustigers Perspektiven                                                             15.01.2016 Ist das nun Zufall oder Fügung oder einfach nur etwas, was immer wieder geschieht? Zwar hatte ich von einem Liedermacher aus Halle gehört, doch von der Schwarzen Elster im Süden Brandenburgs bis nach Halle zu fahren, nur um einen mir unbekannten Sangeskünstler zu erleben, ist mir nicht in den Sinn gekommen. Ich weiß von zu vielen anderen Künstlern, zu deren Konzerten ich gern noch pilgern wollte und will. Ich strich das Anliegen, wie einige andere auch, wieder von meiner Liste. Seit über einem Jahr lebe ich nun in Halberstadt, zwischen Huy und Harz, wo auch dieses kleine Nest namens Danstedt zu finden ist. Hier wurde, fünf Jahre nach mir, PAUL BARTSCH geboren und er ging in Halberstadt zur EOS, wo er auch Gitarre spielte. Später tat er das mit MICHAEL LEHRMANN in einer der vielen Amateur-Kapellen der DDR. Michael’s Oma wohnte im Haus nebenan, wo ich heute wohne, hat er mir verraten und bis zur ehemaligen EOS laufe ich zwei Minuten um die Ecke. Paul war Sänger in einer Schülerband und spielte Gitarre. Meine Schülerband nannte sich Frahamas. Als sich all diese Puzzle-Teile in meinem Kopf zu einem Bild  fügten, entdeckte ich einen Termin von PAUL BARTSCH in Wernigerode. Kurz entschlossen fuhr ich hin – und kam zu spät. Man hatte den Beginn vorverlegt und statt zu stören, fuhr ich lieber frustriert von Wernigerode nach Halberstadt zurück. Hier kommt ein Zimmermann ins Spiel, der den Musikpädagogen und Chansonsänger BARTSCH schon länger gut kennt. Eine Mail von ihm ließ mich wissen, der Chansoneur gäbe ein Sonderkonzert in Halle anlässlich seines 35-jährigen Bühnenjubiläums. Als Gast wäre diesmal der Gitarrenkünstler LEHRMANN zugegen. Da es für mich jetzt deutlich näher bis in die Saalestadt ist, wage ich, der Neu-Halberstädter, heute einen zweiten Versuch, in der Atmosphäre des Musikhauses „Polyhymnia“ zwei ex-Halberstädter zu treffen und deren musikalisches und instrumentales Können zu bewundern. Auf dem Weg über die Straßen von Halle ignoriere ich zwei Mal die Hinweise einer navigierenden Frauenstimme, fahre stets geradeaus weiter, und gelange deshalb an mein Ziel. Es ist eine Straßenkreuzung, von der insgesamt sechs Straßenzüge abzweigen. Kein Wunder, dass eine Navigatorin genervt aufgibt und ich mir einen Parkplatz lieber auch selbst aussuche. Das „Polyhymnia“ ist ein Kleinod inmitten des städtischen Verkehrsgewühls. So viele begehrenswerte Instrumente auf einem Haufen und an den Wänden, da bekommt das Kind in mir riesengroße Augen und staunt. Wäre morgen Weihnachten und mein Bankkonto reichlich gefüllt, würde eine der Gitarren, am liebsten eine mit zwölf Saiten, heute Abend auf meinem Rücksitz liegen. Inmitten all dieser Pracht, rund um ein kleines Podium, füllen sich die Sitzmöglichkeiten. Es wird kuschelig eng, Gemütlichkeit im Kita-Stil, die immer mal wieder durch das Schaufenster bestaunt und beobachtet wird, und dann steht er direkt vor uns, der Zirkustiger mit Schal und Mütze im Tiger-Look, gelb-schwarz gestreift - PAUL BARTSCH – und zitiert uns den „Panther“ von Rilke, „der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um seine Mitte, in der betäubt ein große Wille steht“. Damit ist auch das Vorhaben des Sängers in kurzen Worten zitiert und umrissen. Nicht so ein Panther sein zu wollen, auf engsten Raum eingesperrt und kraftlos, sondern frei seine Gedanken zu äußern und klar seine Meinung formulieren zu wollen. So jedenfalls verstehe ich seine „Ballade vom Zirkustiger“, der noch wild fauchen, ja sogar deftig zubeißen kann, wenn es denn sein muss. Mir selbst bleibt erst einmal die Spucke weg, denn so viel Gedankendichte gleich zu Beginn, und irgendwie auch den meinen gleich, das hatte ich nicht auf dem Schirm, als ich in das enge Häuser(Gitter)Meer von Halle hinein fuhr. BARTSCH streift für Momente mit seinen Erinnerungen zurück in jene Zeit und zu jenem Tag, als alles für ihn begann. Er hat sogar noch das Plakat dabei, auf dem unter anderem auch sein Auftritt mit dem Programm vom „Dualismus“ angekündigt wurde. Der ehemalige „Kulturarbeiter“ in mir schmunzelt im Stillen, denn irgendwie kommt mir das alles auch sehr bekannt vor. Allerdings waren die Spielräume in der Südbrandenburger Provinz offensichtlich flexibler ausgelegt, als jene, von denen der Liedermacher aus Halle zu erzählen weiß. Überhaupt kommt es mir schon nach kurzer Zeit so vor, als wäre mir dieser Musiker da vorn ein guter Bekannter. So wie der die Geschichten zu seinen Geschichtenliedern ausbreitet, liebevoll, spitzfindig, ohne sarkastisch zu sein, um sie so für das Hirn und die Herzen aufbereitet vor uns auszubreiten, das imponiert mir. Wenn dann, wie bei „Noch nicht alles“, MICHAEL LEHRMAN gekonnt angeswingt in die Saiten greift, dann beginnen bei mir die Sinne zu vibrieren. Obwohl hauptberuflich als Dozent tätig, kommt das alles ganz und gar nicht, bekennt das Lehrerkind in mir, belehrend über seine Lippen. Ich fühle mich, der ich diese Musik bisher wirklich nur vom Hörensagen kannte, inmitten der angereisten Fans gut aufgehoben. Die kennen die alten Lieder und formen die Worte unhörbar, aber gut sichtbar mit. Das Besondere des Abends sind wohl die neuen Lieder, die heute zum ersten Mal und ungeprobt, wie sich Paul und Micha kräftig zunicken, in ihrer freien Rohfassung zu hören sind. So wie das Lied vom „Freund sein“ und der Geschichte mit dem umfangreichen Briefwechsel des alten Gleim, im Gleimhaus von Halberstadt zu bestaunen. Der schrieb Freunden schier unendliche Mengen an Zeilen, um sich mit ihnen zu verständigen. So wie auch ich es seit nunmehr 45 Jahren mit einem fernen Freund auf den schottischen Orkney Inseln mache. Keine Freundschaft der Menge wegen, die man abzählen, auflisten und in Vergleiche setzen kann, sondern eine Freundschaft, die lebt, die ehrlich zueinander ist, auch in schwierigen Zeiten besteht und an Krisen erstarkt. Diese Facebook-Philosophie, die pure angehäufte Menge gegen warme Liebe und füreinander Einstehen einzutauschen, geht auch mir gegen den Strich, denn „willst du mein Freund sein, musst du mich nehmen, so wie ich bin“, singt PAUL BARTSCH im Lied vom „Freund sein“. Überhaupt scheint dieser Typ über die Fähigkeit zu verfügen, komplexe Vorgänge und Strukturen des Lebens in nachvollziehbare Zeilen zu gießen, die gesungen die Fähigkeit entwickeln, ins Ohr zu gehen und die Seele zu berühren. Ein Song wie „Der Teufel nimmt die ganze Hand“ würde in seiner Melodik auch einem James Taylor gut zu Gesicht stehen und „Himmelreich“ ist böse wie Dylan’s „Masters Of War“, ohne dass plakativ abgekupfert wird. Es ist einfach nur die Stimmung, die Botschaft, die in mir Gleiches auszulösen vermag. Ganz nah bei mir ist er mit seiner Frage nach „Heimat“, die auch in mir rumort, seit ich hinter den Brandenburger Horizont unter die Schatten der Harzer Berge verzogen bin. Kann man Heimat örtlich benennen oder ist es eher, so wie bei mir, ein Gefühl, das man nur ungenau zu beschreiben vermag? Einige „Lieder der Bordkapelle“ (2013) erwischen mich ahnungslos, dafür um so heftiger. Ich sitze auf meinem Hocker, sehe in die Augen eines reifen Mannes und der verbreitet Wahrheiten in einer volksliedartigen Weise, wie sie Gundermann mal eben so unters Volks geschüttet hat, denke ich, und höre dem Song vom „Buttje“ zu. Na klar dürfen wir Männer auch Wünsche haben und Märchen lese und sehe ich immer noch sehr gern! In einem seiner neuen Lieder singt er „Der Mensch ist im Grunde (so weich, so weich)“ und erteilt so dem Drang manches coolen Zeitgenossen nach Perfektion und Unverletzbarkeit, von leichter Hand, eine liebevolle Absage. Alle Fans von PAUL BARTSCH dürfen sich, so mein Augenblicksempfinden, auf eine richtig gute neue Scheibe im Frühjahr freuen, auf der auch „In der Mitte des Flusses“ zu finden sein wird und das MICHA LEHRMANN mit einem expressiven Gitarrenchorus veredelt. Der Gitarrist verzückt im Laufe des Abends immer wieder mit seinem akzentuierten Spiel und verzaubert mit einem kleinen Solo-Stück die rund fünfzig heimischen Gäste, die nicht schlecht über die Fingerfertigkeiten des Ausnahmezupfers staunen. Einfach nur Klasse, mit welcher Perfektion der Mann traumwandlerisch sicher über die Bünde wandelt und dabei auch noch Spaß versprüht. - „Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut, in allen Lüften hallt es wie Geschrei, Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei und an den Küsten, liest man, steigt die Flut.“                                                             (zum Vergrößern anklicken) Diese Zeilen vom „Weltende“, die noch einen zweiten Vers haben, holen uns nach einer kurzen Pause sofort wieder in den Aufnahmemodus, mit gespitzten Ohren, zurück. Obwohl schon ein Jahrhundert alt, gelingt es mir, mein eigenes aktuelles Bild im Kopfkino dazu zu malen, während die Stimme von BARTSCH uns von „Fahrerflucht“, und damit ein weiteres neues Lied, singt. Es geht ziemlich eng zu in meinem Kopf, denn die Eindrücke prasseln auf mich ein, hetzen meine Gedanken. Es fasziniert mich, dass meine halbfertigen Gedanken in so deutlichen Worten eine Form finden und, wie im Falle dieser Lieder von PAUL BARTSCH, auch noch so eindrucksvoll klingen können. Es ist eine Bestätigung und zugleich ein wenig Genugtuung, dieses gleiche Schwingen zu erahnen und zu wissen, dass mir völlig unbekannte Menschen, Künstler zumal, das gleiche denken und dafür Worte finden, die auch ich gern sagen möchte: „Der Krieg hier hat nur ein anderes Gesicht“ („Vom Regen in die Traufe“). Könnte gut sein, dass Geschichte sich wiederholt. Manchmal frage ich mich auch, woher manche Menschen den festen Glauben nehmen, wir könnten alle auswandern, die Erde verlassen, wenn wir sie verbraucht, ausgelutscht und die Gewinne daraus in Börsenkurven verbrannt haben. Glauben die wirklich, es gäbe da eine zweite Erde für uns, wenn wir den blauen Planeten verballert haben? Wir finden ja nicht einmal über politische Grenzen, über die Weltmeere und Glaubensbekenntnisse hinweg, zueinander! Wie sollten wir dann als Europa oder gar als Weltgemeinschaft gemeinsam, die Besitz- und Machtinteressen außer acht lassend, unsere Erde verlassen können? NEIN, wir müssen, wohl oder übel, uns fragen „Was könnten wir (ändern)?“ Der Frage stellt MICHA einen Flamenco auf spanischer Gitarre voran und GERD HECHT lässt seinen Bass aus dem Hintergrund heraus zum Gesang von PAUL BARTSCH singen. Was für ein Finale, was für ein Liederabend, was für ein Gefühl der Gemeinsamkeit, ohne sich persönlich zu kennen! Musik macht es möglich, ich darf bei diesem Jubiläum dabei sein und ein Zimmermann muss sich mit den Worten von einem (Neu)Halberstädter, die er gern lesen darf, begnügen. Meine Begeisterung ist groß, wenngleich der Abend noch nicht endgültig vorüber ist. Pünktlich zwei Stunden vor Mitternacht muss hier Schluss sein, dem Bewohner über dem Instrumentenwunderland zuliebe. Wahrscheinlich ist er gezwungen worden, über einem Musikladen einzuziehen. Was macht der eigentlich mit der lauten Straßenbahnhaltestelle vor dem Schaufenster und dem Straßenlärm auf der nahen Kreuzung? Wir lassen uns die Freude nicht nehmen, der Ladeninhaber ruft: „Risiko!“ und das Trio LEHRMANN, BARTSCH und HECHT (von links nach rechts) spielt uns noch die „Trierer Ballade“ als Zugabe, die sich schon nach den ersten Tönen als eine textliche Bearbeitung von Dylan’s „The Times They Are A-Changing“ erweist. Die Geschichte dahinter sollte sich jeder vom Liedermacher BARTSCH selbst und live erzählen lassen. Auch was es mit „Glaubensfragen“ auf sich hat und warum die Lieder der Klaus Renft Combo in der Discografie von PAUL BARTSCH eine Rolle spielen und welche. Es gäbe noch eine Menge Dinge zu sagen und darüber nachzudenken. Doch nach zwei kompakten Stunden mit (für mich) lauter neuen Liedern ist das Ende gekommen. Eine intensive und auch bleibende Erfahrung nehme ich mit nach Hause und ich bin wieder einmal froh, einen Schritt in unbekanntes Liederterrain gewagt zu haben. In meinem Kopf ist ein Ameisenhaufen aufgewacht, der meine ohnehin ständige Unruhe noch größer werden lässt, so dass ich das Verlangen spüre, mit ein paar „Verrückten“ diese Welt aus den Angeln heben zu müssen, um sie, neu justiert und von allen Unrat befreit, wieder bewohnbar, einzuhängen. Vielleicht hätte ich der Bruder von John Lennon werden können. Der wollte auch eine Chance für den Frieden und lebte für die Hoffnung, dass es eines Tages geschehen könnte. Zwar ist dieser Freitagabend zeitlich eng begrenzt, ich schaffe es dennoch nicht, all das Gehörte, jede Randnotiz und das Erlebte, in eine Reihenfolge zu bringen, geschweige denn, in seiner Bedeutung zu fassen. In meinem Kopf wirbeln viele Wort- und halbe Satzfetzen umher, so viele bittere Wahrheiten, aber auch nützliche Erkenntnisse, dass eigentlich all das aus mir heraus müsste. Zeit, es zu tun, wäre noch genügend, aber mir fehlt die Ruhe. Ich bin viel zu sehr aufgewühlt. Nur ein paar wenige Worte des Dankes und zum Abschied, dann stehe ich draußen vor der Curry-Wurst-Bude mit einer Bratwurst in der Hand. Das ist heute mein Bratwurst(Sahne)Häubchen auf ein exzellentes Lieder(Macher)Menü und wenn es wieder eine richtig frustrierte Jugendbewegung mit Idealen, statt Karriere, im Kopf gibt, würde ein alter Rocker doch noch beim Neujustieren behilflich sein wollen.