Lebensgefühl Rockmusik HH aus EE
Vom Lesen bei Bodoni in Berlin                                                                                           24.02.2012 Hat jemand von Euch schon mal in einem kleinen aber vollen Raum gesessen, mit Blick in mehr als zwanzig Augenpaare? Die sehen auf Dich und Du sollst vorlesen, zu ihnen sprechen, erzählen und das alles möglichst interessant. Kennst Du dieses Gefühl? Das habe ich gerade und nach der Anspannung davor, hoffe ich auf die Freude danach. - Die Linienstraße in Berlin ist eine endlos lange Seitenstraße einer Verkehrsschlagader in der City von Berlin. Parkplatz – Fehlanzeige! Die müssen an diesem Freitag spätnachmittags gerade alle zu Hause angekommen sein, denke ich mir. Deshalb stehen Autos an Autos, statt Lücke an Lücke, dicht wie ein Reißverschluss. Mein Blechfreund hat trotzdem ein Plätzchen für sich gefunden und eingeparkt. Das macht die jahrelange Erfahrung im Außendienst. Von meinem kleinen Sitzpult in der Ecke hinter einem noch kleineren Tischchen sehe ich in viele sehr erwartungsvoll blickende Gesichter der Gäste, der Mitarbeiter und von Freunden. Vom Regal links oben schauen die Büsten von Marx und Engels herunter und wie von selbst erinnere ich mich deren mahnenden Worte, die ich im „Manifest“, oder war es doch das „Kapital“, lesen musste. Davon, dass alles gesetzmäßig schlimm kommen würde, wenn …. und es kam so, aber eben auch ganz anders und auch anders schlimm. Eher aufgeregt mit viel Lampenfieber. Sie lauschen den einleitenden Worten von MARK JOHNE aus dem Hause BODONI und dann wenden sich die Blicke zu mir  – so, „nun mach’ mal, mein Guter!“ Also erzähle ich aus meinem Leben und davon, wie ich vom Vater inspiriert wurde, von den sieben langen Jahren währenden Quälen einer Violine, von meiner Musiklehrerin und den Beatles und der frühen Beatmusik. Durch sie alle wurde ich zum leidenschaftlichen Rockmusikliebhaber. Es folgt die Rückblende zu den Pennejahren und der eigenen Combo, die Beatmusik spielte, und dann bin ich glücklich, weil unter den Anwesenden einer sitzt, der mit mir damals die Schulbank geteilt hat. Volker kann das alles bestätigen. Selbst die Erinnerungen an das Gitarrespiel vor dem Zelt in jenem heißen Sommer 1968, in Born auf dem Darß, war noch da und wie wir alle nackig am Strand saßen. Flower Power gleich nach dem Abi und in der DDR, ganz ohne Blauhemd!    Die nächste Erinnerung ist Berlin und die Zeit in einer Uniform, die ich nicht gern getragen habe, weil sie schlicht so Scheiße aussah und die Chancen bei allen Mädels auf Null sanken. Zumal in Berlin, der Stadt mit dieser dicken Betonmauer, zu der wir jeden Tag hinaus gefahren wurden, um sie höher und länger zu machen. Hier in der Hauptstadt der größten DDR habe ich bei den „Tschechen“ und „Polen“, im Pavillon unter dem Bahnhof Friedrichstraße, meine Schallplatten gekauft und später bin ich dafür extra samstags nach Berlin gefahren, um die Platten von Omega, Illes, Niemen, Skaldowie und den Matadors nach Hause zu schleppen. In meiner Kleinstadt hätte ich die niemals bekommen. So gebe ich Stück um Stück Episoden und Bruchstücke aus meinem Leben, Denken und Fühlen preis und mit ihnen verbinde ich dann die kleinen Lesestücke aus meinem Büchlein. Ich lese vom Konzert mit MTS im Pionierhaus, um anschließend an Herbert Treichel, an Cäsar, Franz Bartzsch und all die anderen zu erinnern, die viel zu früh gingen. Noch einmal bin ich gedanklich im Treptower Park beim Konzert von Bob Dylan mit Roger McGuinn und Tom Petty. Noch einmal keimen die Erinnerungen an Joe Cocker, der sich in Dresden die Seele aus dem Leib sang und eine riesige Menschenmenge in einen Begeisterungstaumel versetzte. Da stand die DDR noch, wenn auch auf wackligen Füßen und ich stand inmitten von Freunden auf der späteren Cocker-Wiese. Aus jenen Jahren stammt auch meine Freundschaft zum ganz und gar nicht geizigen Schotten auf den Orkney Inseln, die sich, länger noch als die Ehe mit meiner Frau, bis in heutige Tage zieht und noch immer bestand hat. Trotz Zoll und der Firma. Ich erzähle und lese zwischendurch und wundere mich, dass die vor mir in den Stühlen noch immer gespannt auf mich starren und meinen Worten lauschen, sie entweder nickend oder mit einem Lachen bestätigen. Der Blick auf die Uhr macht mich unsicher und der Blick auf die kleinen Buchstaben bei viel zu schwachem Licht auch. Beim Lesen wird meine leise Stimme leiser und auch schneller, was mich noch unsicherer macht. Deshalb beschleicht mich irgendwann das Gefühl, ich sollte vielleicht lieber aufhören, die Leute mit meinen Erinnerungen zu belästigen. Außerdem werde ich nicht gern fotografiert und trotzdem stehe ich gehorsam auf, um den neugierigen Objektiven noch einmal meine geschickt verkleideten Wohlstandsfigur zu präsentieren. Vielleicht aber ist es auch nur der Anstand, sich stehend zu bedanken, dass sie alle meinetwegen und wegen dieser 330 Seiten Papier mit über 100 Fotos gekommen sind, die ich „Mein Lebensgefühl mit Rockmusik“ nenne. Selbst die „Liese“ mit den feuerroten Haaren hat mich mit ihrem Kommen überrascht und mir gemeinsam mit einigen meiner Berliner Freunde und den anderen Gästen das Gefühl gegeben, etwas Schönes und Seltenes erlebt und gemacht zu haben. Zumindest ist das mein Empfinden und das nehme ich mit in die Berliner Nacht und auf den Weg nach Hause. Um die Mitternachtsstunde bremst das nächtliche Berlin meine Euphorie dann doch wieder aus. Dieses schnell tuckernde Geräusch beim Fahren ist nicht zu überhören. Dort die Einfahrt zu einer Tankstelle und erst mal im Licht anhalten. Das große Etwas aus Metall im rechten Vorderreifen hätte ich niemals ohne Hilfe allein entfernen und das Rad auch nicht wechseln können, wie mir der freundliche Herr von der Pannenhilfe gegen 01.°° Uhr lächelnd bestätigt. Noch einmal Schwein gehabt. Gerade erst dem ADAC eine Kündigung geschrieben, um nicht doppelt versichert zu sein und schon kommt die Probe auf die Belastbarkeit von Versicherungspolicen. Das war wirklich knapp! Nicht auszudenken, was bei 140 Klamotten auf der A13 Richtung Heimat bei Storkow oder so hätte geschehen können. Dann hätte vielleicht ein anderer etwas ganz anderes schreiben sollen. Die Vernunft und der Wunsch, wieder heil auf dem Hof anzukommen, hat zum Glück über den Leichtsinn, einfach so weiter zu fahren, gesiegt. Die Freude ist unserem kleinen Wautsch gegen 03.°° Uhr anzumerken. Die Geschichten sind also noch lange nicht zu Ende geschrieben und wenn nicht auf Papier, dann eben im Netz.