Lebensgefühl Rockmusik HH aus EE
Leela Gilday & Band live in Blankenburg (EU)                                                              25.05.2018 Sie stammt aus Yellowknife in den westlichen Territorien tief im Innern von Kanada, der Heimat der Dene Nations, der Ureinwohner jenes Landstrichs. Ihnen und ihrer Folk-Musik fühlt sich LEELA GILDAY verpflichtet und damit der Tradition dieser Menschen. Das spürt man in ihren eigenen Liedern, verteilt auf vier Alben und gesungen in ungezählten Konzerten. Nun hat sie zum ersten Mal den Sprung über den großen Teich gewagt, um die Botschaften ihrer Völker auch hierzulande zu verbreiten. Sie live zu erleben, habe ich auf ein Konzert der legendären Hollies, zur gleichen Zeit in Magdeburg, verzichtet. Wieder ist es die Neugier auf unbekanntes musikalisches Terrain, die mich vor Jahren schon zu Mari Boine führte. Diesmal also eine Künstlerin aus dem fernen Kanada, ebenfalls jenseits des Polarkreises. Heute ist Tag Null der privaten Hobby-Knipserei, der „Point Of No Return“, um eine bekannte Band zu zitieren. Die Bürokratie-Henne der EU in Brüssel hat gebrütet, hat sich zwei Jahre zurückgehalten und uns nun mit einem halben Ei beglückt, das niemand wirklich verspeisen mag. Also führt mich der erste Gang Backstage, wo ich vier Musiker bei der abendlichen Vesper störe. Das muss sein, erkläre ich sehr freundlich, und auch, dass sie mir bitte meinen vorbereiteten Wisch unterschreiben mögen. Dies wäre noch kein Autogramm, sondern ein notwendige Störung, höre ich mich sagen und dann lachen wir alle darüber. Autogramme würde ich mir nach dem Konzert holen, um nichts miteinander zu verwechseln. Ich habe vier nette Musiker erfreut, dem Daten“schutz“ ist Genüge getan und die Welt dreht sich auch weiter. Dafür haben die Brüsselanier, also die vom anderen Stern, sechs Jahre gebraucht. Wenn diese Politiker mit allem so viel Zeit verplempern, … Eine halbe Stunde später stehen die vier Kanadier auf der Bühne. LELLA GILDAY am Mikrofon und als ich mich gerade auf das kommende Konzert einstimmen will, übertönt ein brachialer a-capella-Gesang die Stille im Saal. Mit ungeheurer Wucht brechen die Töne eines alten Rituals „Kekeyi Deh“ über mich herein. Sie singt in der Sprache der Dene Nations und von jetzt auf gleich stehen mir die Nackenhaare aufrecht, während der kraftvolle Chorus des „Heya, Heya“ in meine Knochen fährt. Boah! Dann rockt und groovt die Band mit „Heart Of The People“, dass beinahe der Harz hinter Blankenburg zu wackeln beginnt. Die Frau hat eine Power in der Stimme, die ich nicht erwartet hätte und die Band strickt eine Mixtur aus indianischen Klängen und rockenden Rhythmen dazu. Die ersten Minuten wirken auf mich wie der „Rolling Thunder“, von dem sie uns singt. Wenn ich meine Augen schließe, malt das Kopfkino mir Bilder von tanzenden Sängern rund um ein loderndes Feuer an die Wand. Einfach nur toll! Diese Powerfrau mit der wandlungsfähigen Stimme stellt sich für mich als Überraschung heraus. Anders als in einem Netzfundstück, erlebe ich sprühende Leidenschaft, die pure Lust sowie eine Präsenz auf der Bühne, die man nicht oft sieht. Neben ihr ergänzt das exzellente Bass-Spiel von M.J. DANDENEAU, die ebenfalls vor Energie nur so sprüht, die Frontfrau. Eher dezent, dafür aber sehr einfühlsam erlebe ich SEBASTIAN GASKIN an der Gitarre, der mit TONY RAYBOLD am Schlagzeug die Rhythmusgruppe bildet. Den drei Musikern mit den Saiten am Instrument merkt man ihre indigene Herkunft besonders dann an, wenn sie sich der Rhythmik und Gesänge ihrer Völker bedienen. Dann tauscht MARIE JOSEE den Bass gegen die Trommel, die nackten Füße stampfen den Bühnenboden und kraftvolle Gesänge von „Sing“ lassen die kleine Hütte beinahe bersten. So etwas hat hier bisher noch niemand erlebt. Es gibt sogar einige zaghafte Sänger, die mit in den Chorus von „Hey Heya“ einsteigen, den letztlich ein lauter Schrei der Sängerin abrupt beendet. Nach dem Moment Stille tobt der Applaus und gellen Pfiffe. In der Stimme von LEELA GILDAY scheint ein Feuer zu lodern. In ihm vermischen sich Rockmusik mit Blues und Folk sowie den traditionellen Dene-Gesängen zu aufrüttelnden Liedern. „Ich fühle, wie die Wut durch mein Blut rast“, singt sie in „Cut My Hair“. Mit geschlossenen Augen schaut sie nach oben und lässt die Melodie aus sich heraus. Dabei kommt sie mir wie eine moderne Geschichtenerzählerin vor, die in einer Ballade wie „End Of The Day“ mit kraftvoller, aber sinnlicher Stimme viel Zuversicht austeilt, während sie voller Stolz singt oder in „Safe Passage“ von der Legende Deh Cho berichtet und damit von der spirituellen Seite ihres Dene-Volkes erzählt. Die Intensität, mit der LEELA GILDAY und die Band ihre Lieder singen, dringt mir tief unter die Haut. Wie mir scheint, bin ich mit meinem Gefühl und Empfinden nicht allein im Saal. Zwischen den Songs erzählt die Lady aus Kanada, was sie mit ihren Worten und Melodien ausdrücken möchte oder wie sie entstanden sind. Am meisten aber berührt sie mich, wenn sie von ihrem großen Stolz spricht, eine der Dene-Nations zu sein, so wie ihr Gitarrist SEBASTIAN auch. Mehrmals nimmt sie einen kleinen Zettel zur Hand, um sich in gebrochenem Deutsch zu bedanken, hier sein zu dürfen und uns ihre Lieder vorstellen zu können. Dann singt sie uns „Piece Of My Life“ (Teil meines Lebens) und wieder sind es die Trommeln und uralte Rhythmen, die den Raum füllen, während M.J. DANDENEAU auf den Bass-Saiten mit einem Bogen die Stimmen der Natur imitiert. Mit „Cold Wind“ geht schließlich ein Abend mit sehr viel Ursprünglichkeit, sowie der trotzig erhobenen Faust von LEELA, seinem Ende entgegen. Noch einmal kraftvolle und laute „Heya, Heya“- Rufe und dann ist Schluss, einfach so. Vier Musiker aus Kanada stehen vor uns und sehen unheimlich glücklich aus. Natürlich müssen sie noch einmal zu den Instrumenten greifen. Leela gibt dem Gitarristen SEBASTIAN GASKIN den Vorrang und der singt mit „Wrinkles“ (Falten) eine gefühlvolle Ballade zur Gitarre. Den emotionalen Ausklang zelebrieren uns LEELA GILDAY & BAND mit „K’einstah Naste Tu“ in der Sprache ihres Volkes, ergreifend und einfach nur wunderschön. Ich bin beeindruckt und lasse alles noch einige Momente im Stuhl sitzend auf mich wirken, ehe auch ich mich ins Foyer begebe. Diesmal verzichte ich darauf, mir eine klingende Erinnerung mitzunehmen. Stattdessen wähle ich die extra für diesen Abend vom Verein des E-Werkes kreierten leckeren Kräuterliköre mit dem Etikett von LEELA GILDAY aus. Der Genießer in mir hat ausnahmsweise einmal über den Musikliebhaber gesiegt. Der nimmt allerdings die Erinnerung an einen außergewöhnlichen Konzertabend mit nach Hause und an eine Künstlerin, die er sehr gern wieder hier begrüßen würde. Dann vielleicht mit neuen Songs und einem neuen Album, das ich mir dann doch wieder in die Sammlung stellen würde.