Lebensgefühl Rockmusik HH aus EE
Jackie Bristow & Mark Punch – Nashville im Papermoon                                       25.11.2018 Sie scheint einen Rucksack voll musikalischer Erfahrungen in ihre Musik einfließen zu lassen, denn sie stammt aus Neuseeland und ging über Australien nach Nashville in den USA. Da ist wohl die Nähe zur Folk- bzw. Countrymusic sowie zum Rock’n’Roll unausweichlich. Mich machen solche Konstellationen stets neugierig, denn man bekommt oft Kontakt zu interessanten Musikerpersönlichkeiten und deren Umfeld. Das ist immer wieder spannend und manchmal kommt man einem Künstler wirklich nahe, so wie im Fall von Gretchen Peters, die man Jahre später nur noch in großen Hallen erleben kann. Also begebe ich mich am Sonntagnachmittag ein Mal quer durch die halbe Stadt zum Papermoon, um dort JACKIE BRISTOW zu treffen, die derzeit mit dem Gitarristen MARK PUNCH durch deutsche Clubs tourt. Wer weiß denn, ob ich sie jemals wieder in so familiärer Atmosphäre erleben werde?                                                  Alle Fotos auf dieser Seite kann man durch Anklicken vergrößern. Drinnen finde ich noch einen Platz am Ofen. Zum Glück ist der noch nicht beheizt. Ich komme mit den Nachbarn ins Gespräch, dass deren Tochter die „Vorband“ ist, ahne ich nicht. Wenig später sitzt die zierliche junge Lady, mit ihrer Gitarre auf den Knien, da vorn und singt. Schon bei den ersten Tönen geht ein Raunen durch den Raum. Eine dunkle, rauchige Stimme singt ungemein dynamisch ein paar ausgewählte Rock-Klassiker sowie zwei eigene Lieder, allerdings  in englischer Sprache. Die Begleitung mit dem Instrument nutzt sie sehr dezent, aber diese Stimme lässt keine Zweifel aufkommen: HANNA RAUTZENBERG ist ein Riesentalent und mit einer Stimme gesegnet, die tief unter die Haut geht. Wie sie Bruce Springsteen’s „I’m On Fire“ und von Pink Floyd „Wish You Were Here“ aus sich herausholt, wirkt wie ungeschliffene Magie, die auch in ihre eigenen Lieder, eines nennt sie „Romeo“, einfließt. Nach einer halbe Stunde sind das Staunen und die Begeisterung groß und HANNA hat ein reichliches Dutzend Bewunderer hinzu gewonnen. Einige gehen auf sie zu, um ihren Respekt und Begeisterung auszudrücken. Da ist noch ganz viel Luft nach oben, bin ich mir sicher! Viel Zeit zum Staunen oder Durchatmen bleibt nicht. Nur wenige Minuten später stehen zwei weitere, mir völlig unbekannte, Künstler mit ihren Gitarren an den Mikrofonen. Ein paar Begrüßungsworte und der Hinweis, dass der erste Song für die Underdogs, die Benachteiligten der Gesellschaft, geschrieben sei und dann folgt mit „(Give Me Another) Shot Of Gold“ der Titelsong ihrer derzeit aktuellen Scheibe. Der Song entpuppt sich als einfühlsame leise Ballade, mit eindringlicher Stimme von JACKIE BRISTOW gesungen und filigranem Slide-Guitar-Spiel von MARK PUNCH begleitet. Mit „Gotta Let Love Find You“ schiebt sie noch so eine ähnliche Melodie hinterher. Es ist still im Raum, nur eine singende Gitarre und eine Stimme, die uns ein leises Liebeslied zu Füßen legt. Sie singt lächelnd, mit glänzenden Augen und ihr Körper wiegt sich dabei im Rhythmus ihrer Musik. Alles ist ganz natürlich, nichts wirkt aufgesetzt. Dieser Eindruck verstärkt sich noch, als sie mit „Whistle Blowing“ einen dritten Song von der aktuellen Scheibe erklingen lässt. Ich glaube, die Künstlerin mit dieser ausdrucksstarken Stimme ist sich ihrer Wirkung bewusst, nimmt sich aber zurück und lässt die Melodien und Worte auf ihr Publikum wirken. Bei mir hinterlässt sie gleich zu Beginn ein paar leichte Kratzer unter der Haut. Das hatte ich so nicht erwartet! In den Liedern verschmelzen die australischen Wurzeln mit den Einflüssen ihres Lebens in Nashville zu einer emotionalen Melange aus Folk, Roots, Country und, wie wir bald hören werden, Rock’n’Roll in seiner deftigen Variante. MARK entlockt den Gitarrensaiten in „Circle Round You“ ein wildes Solo, das wirklich keine Wünsche offen lässt und JACKIE singt mit rauchiger Soul-Stimmen vom Leben zwischen zu engen Mauern und in kleinen Zimmern. Am meisten allerdings geht mir in diesen Augenblicken eine besondere Zeile aus „Falling Youth“ unter die Haut: „He stared at me through faded eyes, this is how a young man dies“, was etwa so viel bedeutet wie: „Er starrte mich mit welkenden Augen an, so ist es, wenn ein junger Mann stirbt.“ Die Zeilen schrieb ein unbekannter Soldat und sie befanden sich in der Bibliothek von JACKIE’s Heimatstadt. Ein Freund fand die Zeilen und trug sie viele Jahre bei sich, ehe er Jackie bat, eine Melodie dafür zu schreiben. Es wurde ein Lied, das sie allen Soldaten dieser Welt singen möchte. Dieser Song rüttelt auf und er lässt mich an ein anderes Lied denken: “And I see by your gravestone that you were only 19, when you joined the glorious fallen in 1916. Well I hope you died quick and I hope you died clean” aus Eric Bogle’s  „No Man’s Land“. Mit zornigen Grüßen an die Führer dieser Welt und die “Masters Of War” (Bob Dylan), die noch immer junge Menschen in Kriegen verheizen. Ab und zu erzählen uns beide etwas aus ihrem Leben als Musiker und so erfahren wir, dass JACKIE BRISKOW schon mit Bonnie Raitt, Art Garfunkel oder der Steve Miller Band auf Tour war und MARK für Jimmy Barnes und Joe Cocker auf der Bühne stand. Beide sind sowohl in ihrer Heimat als auch in Nashville, wo sie derzeit leben, längst keine Unbekannten mehr. Ganz im Gegensatz zu Deutschland, wo sie versuchen möchten, mit ihrer Musik zu begeistern. Dabei spürt man förmlich, dass beide ihre Musik leben, sich quasi in ihr spiegeln. Im Papermoon erlebe ich zwei Vollblutmusiker, die sich blind aufeinander verlassen können, die eine Menge Spaß haben und Freude im Überfluss versprühen. Ich liebe Songs wie „I’m An Outsider“ oder wenn sie vom „Blue Moon Rising“ singen und der Blues durch den Raum stampft, während MARK mit seiner Gitarre dreckig-rockende Klänge zaubert. Seine Finger zupfen, reißen, ziehen die Saiten oder tanzen wie kleine Teufel zwischen den Bünden. Gleich neben ihm wiegt sich JACKIE zur Musik in den Hüften und begeistert mit einem verführerischen Lächeln die Männer im „Wohnzimmer“. Die Luft ist inzwischen schwülwarm. Wir lauschen dem „Rolling Stone“ und wieder lässt MARK die Luft mit einem ruppigen wilden Solo vibrieren. Der Mann ist ein Hexer auf dem Instrument und nur bei so einem „Wohnzimmerkonzert“ kann man staunend das Spiel bewundern. Als er dann noch „Drift Away“, einen Klassiker aus den frühen 1970er Jahren, singt, brennt die Luft in der Hütte und die pure Begeisterung bricht aus. Dies ist ein Abend vieler magischer Momente. Obwohl mir bis zu diesem Tag beide Musiker unbekannt sind und ich keines ihrer Lieder kenne, gelingt es JACKIE BRISKOW mit ihrer natürlichen Ausstrahlung und einigen wirklich wundervollen Melodien, mich in ihren Bann zu ziehen. Manchmal schließt sie beim Singen die Augen, dann wiederum lässt sie sich in den Sound fallen, den MARK PUNCH mit den Saiten der Gitarre fabriziert. Bei den leisen Songs kann man in ihrem Gesicht die Story nachlesen, doch wenn es rockt, schwingt ihr Körper, die Haare fliegen und ihre Begeisterung überträgt sich auf ihr Publikum.    In den vergangenen Jahren sah ich viele kleine Club-Konzerte, aber nur selten geschah es, dass einer der Gäste seinen Stuhl verließ, um zu tanzen. Mit „Freedom“, dem Titelsong ihres 2011-er Albums, ist nach reichlich zwei Stunden der Ausklang eingeläutet. Doch die aufgeheizte kleine Papermoon-Familie kann mit dieser Ankündigung nichts anfangen und so gibt es mit „Take Me To The River“ Noch eine steinalte Nummer zum Abrocken. Jetzt sitzt niemand mehr, es fühlt sich an, wie bei einer jener wilden Parties meiner Jugendjahre. MARK macht aus dem Soul-Klassiker einen waschechten Swamp-Blues. Seine Gitarre jault, sie kracht und die Meute tanzt vor den beiden Musikern ganz so, wie wir es einst liebten: Jeder für sich, völlig losgelöst und fast wie in Trance. Was für ein grandioser Abschluss eines heißen Sonntagnachmittags im trüben November. Die bösen Geister dieser Welt können mich mal, ich bin jetzt für eine Weile immun! Erst draußen im Nebel gelingt es mir, langsam wieder einen „normalen“ Rhythmus zu finden. Ich hatte Gelegenheit, zwei begnadet musizierende Künstler zu erleben, mit JACKIE BRISTOW zu reden und mit MARK PUNCH Jugenderinnerungen auszutauschen. Der Mann stand schon mit den Easybeats in einem Studio und könnte wahrscheinlich stundenlang erzählen. Beide haben mir „Shot Of Gold“ signiert und mich mit ihrer natürlichen Ausstrahlung und wundervollen Melodien begeistert. Es gibt jetzt auch ein Erinnerungsfoto mit ihnen, das bei mir einen Ehrenplatz bekommen wird und ich habe mir wieder ein Poster, diesmal von einer Toilettentür, gemopst. Es ist so schön, nicht ganz „normal“ zu sein! Thank you so much Jackie, thanks Mark und danke auch Carmen und Micha vom Papermoon. Ich hoffe sehr, es wird eine Wiederholung geben.