Lebensgefühl Rockmusik HH aus EE
Gregorianik plus Violine - Klosterkirche Huysburg                                                      19.03.2017 Es klappt nicht immer, aber manchmal eben doch. Keine Lust, kaum Energie und wenig Willen, dem Tag noch ein Geheimnis zu entreißen. Genau so fühle ich mich an diesem Sonntag, nachdem ich am Abend zuvor ein emotionales Konzert besucht hatte. Nachts dann auf der Piste nach Hause gedüst, dem Schlaf bis in den frühen Morgen aufgelauert. Tags darauf bin ich kaputt und kaum zu motivieren, die müden Knochen zu bewegen. Ich sitze vor der Tastatur und hämmere die Emotionen des Abends zuvor in passende Worte. Mehr will ich eigentlich nicht. Doch schon nachts werde ich übers Netz gefragt, ob wir uns am nächsten Nachmittag auf der Huy bei den Mönchen sehen werden. Ich weiß von dem Termin, habe ihn auch eingeplant, aber nachts gegen Eins noch keine passende Antwort auf diese Frage. Die kommenden Stunden werden sie bringen, so oder so. Als noch eine einzige Stunde bis zum Konzertbeginn bleibt, fällt die bessere Hälfte eine Entscheidung und gibt den Startschuss. Wenig später öffnen wir die schwere Tür, treten ein „in den (kleinen) Dom“ und finden einen Platz in der zweiten Reihe. Die Holzbänke sind karg, nur mit Sitzkissen belegt. Ich bin falsch, weil zu luftig, angezogen und die pulsierende Hektik da draußen hat mich müde gemacht, das mich friert. Manchmal ist mir, als hätten wir in diesem Leben alle Uhren, nur die Zeit ist an einem ganz anderen Ort geblieben. Mir ist danach, Ruhe zu finden. Die angenehme Stille trägt dazu bei und ich komme langsam runter. Meine Anspannung verfliegt, während ein Mönch die hoch aufragenden Kerzen entzündet. Ich bin nicht das erste Mal hier oben, kenne also die Abläufe und beginne auch wieder, die leise Atmosphäre der Andacht und Besinnung zu genießen. Auch Atheisten suchen innere Einkehr, brauchen so etwas wie Seelenfrieden und wollen manchmal nur mit sich allein, ohne Gott, ein wenig Zwiesprache halten. Wenig später öffnen sich meine Sinne ganz und gar der Musik. Acht Mönche sollen hier oben leben, habe ich mir sagen lassen. Ob es stimmt, weiß ich nicht, aber es sind genau diese acht, die links und rechts vom wuchtigen Taufstein (?) ihre Plätze einnehmen. Kurz darauf erheben sie sich schweigend und stellen sich hinter dem Stein auf. Als sie den Gesang vom III. Sonntag in der Fastenzeit beginnen, ist es für mich wie Magie, die den Kirchenraum erfüllt. Es ist der magische Gesang von acht Männerstimmen, im Gleichklang und in Harmonie. Dies ist nicht einstudiert oder extra vorbereitet, sondern ein tägliches Ritual, das zu dem Leben der Mönche auf der Huysburg dazu gehört. Jede Tonfolge ist in sich stimmig, ohne professionell aufgesetzt zu wirken, klingt ehrlich und aus tiefsten Herzen authentisch und dennoch in berührender Weise nicht perfekt, sondern eher lebendig. Was ich erlebe, empfinde ich wie gesungene Meditation als Gleichnis für Dinge, die Sprache nur ungenügend ausdrücken, denen man aber hier im sakralen Umfeld in sich selbst nachfühlen kann. Was möglicherweise unsere eigene Wahrnehmung übersteigt, Gedanken nicht zu fassen vermögen, das ist vielleicht in den Tonfolgen durch Wiederholungen gebündelt. Es ist gar nicht wichtig, dass die lateinischen Worte nicht verständlich sind. Es ist der pure Klang, der, wenn man es zulassen möchte, mehr als nur Musik scheint. Das hat die Gregorianik vielleicht mit anderen Gesängen gemeinsam, die auch einen sakralen, meditativen oder indigenen Ursprung haben. Zwischen den Gesängen und einem Vesper-Hymnus der Mönche bleibt viel Raum für Improvisationen einer Violine. Deren Klang entsteht zunächst irgendwo im Rücken der Hörer, leise und unaufdringlich, und gewinnt nach und nach Spannung und Volumen, indem die Violinistin Regina Mudrich langsam an den Bankreihen entlang schreitend, sie umrundet, während der Klang des Instruments den Raum füllt und hörbar weitet. Improvisation ist ja sicher etwas, das eigener Inspiration und damit einem Gefühl entspringt. Im Spiel von Regina Mudrich spiegelt sich das wider, auch wenn dieser klingende Moment und der Raum, in dem die Töne entstehen, nicht in Worte zu fassen sind. Das hat ihr Spiel in diesem Moment mit den gregorianischen Gesängen der Mönche gemeinsam und sie ergänzen sich. In beiden fühle ich mich in dieser Nachmittagsstunde bestens aufgehoben, kann mich ganz darin gehen lassen. Ein faszinierendes Erleben in einer Umgebung, die sich zum Abschalten eignet. Heute waren es statt Rock, Blues oder Folk die alten gregorianischen Choräle, von den hier lebenden Mönchen vorgetragen, die mir wieder Ruhe und Gelassenheit schenkten sowie die Kraft, den nächsten Horrormeldungen aus aller Welt die Stirn zu bieten, mein eigenes Leben würdig zu gestalten. Es gibt Momente, in denen auch einer wie ich nur die „Good Vibrations“ in sich aufnehmen möchte. DANKE für Euren Gesang und vielen Dank für Deine Improvisationen mit der Violine, liebe Regina Mudrich. Ich werde sicher Euch alle, gleich in welcher Konstellation oder zu welchem Anlass, wieder hier in der Huysburgkirche treffen. Es ist schön, dass es diesen Ort gibt und Menschen, die ihn mit Leben für alle erfüllen. Man braucht nur hinzugehen! Post scriptum:  Warum ich über solche und andere Ereignisse schreibe und diese Beiträge öffentlich mache, werde ich manchmal gefragt. Es macht mir Vergnügen, lautet die einfache Antwort, und ich habe das Gefühl, meine Empfindungen frei lassen und teilen zu müssen. Fast wie ein Künstler, der ich nicht bin, aber Gefühle und das Bedürfnis, andere daran teilhaben zu lassen, kenne ich eben auch. Also kann davon lesen, wer möchte, und mir gern seine Meinung dazu mitteilen. Dann hätten meine Zeilen ihren Zweck, über mein eigenes Glücksgefühl hinaus, erfüllt und einen Sinn bekommen.