Lebensgefühl Rockmusik HH aus EE
Dagefoer – Wohnzimmerkonzert im Moritzhof                                                             20.01.2018 Mich zieht es wieder einmal zum Moritzhof in Magdeburg und der das bewirkt, ist längst ein Urgestein deutscher Folks- Musikkunst. Eher noch Vorreiter in Sachen Mittelalter-Rock, lange bevor dieser Begriff zu einer medialen Schublade wurde. Die Brüder Frank und Stefan Wulff, zwei Multiinstrumentalisten aus Hamburg, kann man, etwas verkürzt betrachtet, als die Keimzelle der Band OUGENWEIDE in den Jahren 1970/71 ansehen. Knapp vierzig Jahre später erschien mit „Herzsprung“ (2010) das letzte von insgesamt zehn Studioalben der Band. Jedoch verstarb Frank Wulff kurz vor dessen Veröffentlichung. Sein Bruder STEFAN WULFF ist heute manchmal am Bass in dem Bandprojekt DAGEFOER zu erleben, das vom Gitarristen und Komponisten HINRICH DAGEFÖR gegründet wurde. Diese Konstellation, plus die Sängerin JAMINA ACHOUR und der Percussionist und Sänger DUMISANI MABASO aus Soweto in Südafrika, sind mir Motivation genug, dieses außergewöhnliche Konzertereignis im „Wohnzimmer“ des Moritzhofes mitzuerleben. Wieder einmal möchte ich mich von mir unbekannter Musik überraschen lassen, will musikalisches Neues entdecken.              Moritzhof                                      Vossi auf See                         “Sol” - signiert                Podest im Wohnzimmer Doch eigentlich ist „Vossi“ schuld! Der war Mitglied unserer Segel-Crew, die in der Himmelfahrtswoche für einige Tage die „Dänische Südsee“ unsicher machte. Hannes „der Skipper“ hatte auch mich Anfang der 2000er Jahre in diese Männer-Runde integriert und hier lernte ich eben auch „Vossi“ kennen, den Bühnenmeister eines Hamburger Theaters. Der schwärmte von einem Freund, in dessen Zimmern sich die Musikinstrumente häuften und dass er diese alle beherrschte. Und er beschrieb mir immer wieder ein Stück, in dem ein Didgeridoo das dominierende Instrument ist. Ich habe das Album und den Song „Sol“ (1996), das ich längst hatte, und FRANK WULFF, als diesen Freund und Musiker, erst viel später zueinander gebracht. Da war ich schon nicht mehr Teil der Crew, die inzwischen auf dem Mittelmeer schipperte. Was „Vossi“ heute macht, weiß ich nicht und mein Freund Hannes ist im September 2016 den Wellen der (Ost)See übergeben worden und damit waren auch die Törns auf den Wellen der See gestorben. Ich muss also unbedingt zu DAGEFOER und diesen Frank Wulff, den Bruder, treffen, wenn sich schon mal so eine Gelegenheit bietet. Das „Wohnzimmer“ im Moritzhof ist ein Eckzimmer mit einem Podest dort, wo sich die Zimmerhälften treffen. Zwischen Instrumenten und Kabeln ist kaum Platz und den füllen jetzt vier Herren und eine Lady aus. Zusammen bilden sie DAGEFOER. Leise beginnen Gitarren- und Bass-Saiten zu schwingen, Rhythmen beginnen zu vibrieren, eine dezente Frauenstimme singt von „resting on the peak“ und mir wird wohlig warm im Blut. Ganz behutsam nehmen uns die Klänge von „Belonging“ in die Arme und schleichen sich unter die Haut. Ich bin angekommen. Die entspannend wirkende Musik beginnt, mich in ihren Bann zu ziehen und ein ständig lächelnder Percussionist, direkt vor mir sitzend, steckt mich mit seiner Ursprünglichkeit an. Mit jedem „Ping“ und „Pong“ auf die Felle glänzen und erstrahlen seine Augen. Wie Magie locken mich die Töne, die über den karibischen Grooves von “Invictus“ zu tanzen scheinen. Die Sängerin JAMINA ACHOUR formt daraus eine leichtfüßige Melodie, irgendwo zwischen Swing, Folk, Americana und Jazz. Dazwischen plaudert Sänger und Gitarrist HINRICH DAGEFÖR vom Innenleben seiner Lieder oder von den Geschichten, die man sich unter Musikern erzählt. So wie die von der Mundharmonika, von Harry Belafonte und von Bob Dylan, dessen Biografie und was geschah, als der erstmals mit Belafonte im Studio musizierte. Die Pointe ist so außergewöhnlich, dass man sie sich live bei DAGOFOER erzählen lassen sollte. Die Band sei nun schon zum dritte Mal im Moritzhof, plaudert der Mann mit dem Hut weiter, um uns ihre neue und dritte CD „Jetsam“ (2017) vorzustellen. „Jetsam“, so lässt er uns wissen, ist Treibgut das von Schiffen über Bord ins Meer gespült wird. Von diesem „Treibgut“ wollen sie uns einige Stücke live vorstellen. Ein weiteres Kleinod ist „Lost“ (Verloren), ein intimes, fast schon entrückt wirkendes Stück Musik, das die klare samtraue Stimme der Sängerin im dezenten Sound der Band, der die Ohren wie ein filigranes Gewebe schmeichelt, dezent einbettet. Da spürt man, dass der Bandleader zumeist als Filmkomponist tätig ist und Optisches durch Klang ergänzen, ja erst voll zur Wirkung bringen kann. Diese Musik entfaltet eine fast verschwenderisch wirkende Klangintensität, die mich staunend macht.     Die Lieder, die wie hören, bewegen sich ganz weit weg von irgendwelchen Schubläden. Sie begeben sich einfach dazwischen und malen dir zeitlose Bilder in die eigene Fantasie. Kein Wunder, denn einige sind direkt als Filmmusiken entstanden. So wie das wunderschöne „The Sea“, das sicher einigen aus dem TV-Film „Fischer fischt Frau“ bekannt sein dürfte. Da swingt es und groovt es, man meint all die Leichtigkeit des Meeres fassen zu können, während wir im Takt dazu schwingen. Eine Bass-Figur zieht sich wie eine pulsierende Ader durch „Meant“ und der Gast im Hintergrund, DETLEF RASCHKE, bringt dazu die Flötentöne zum tanzen. Ich bin hingerissen und kann mich an der einzigen Cover- Version des Abends, dem swingend souligen „Throw It Away“ von Abbey Lincoln, erfreuen. JAMINA ACHOUR trifft die Stimmung des Jazz-Songs mit ihrem cooler wirkenden Stil auf den Punkt und die Mundharmonika schmachtet leise dazu. Die Rhythmusgruppe, STEFAN WULFF mit dem Bass und DUMISANI MABASO an den Trommeln und diversen „Klappern“, entfaltet ein verspielt lockeres Minimalgeflecht, das jeden   in Schwingungen versetzen kann. Am liebsten möchte man beim abschließenden „Monkeys & Lions“ aufstehen und sich, wie an einem Strand, von den Wellen mitreißen lassen. Das Stück wird von einer durchdringenden Bass-Linie getragen, auf der Flöte und Gitarre ihre swingenden Soli austoben. Es ist schlicht faszinierend, den Musikern derart nah zu sein und die Musik beinahe fühlen und anfassen zu können. Nichts geht über ein bewegendes und dennoch so intimes „Wohnzimmerkonzert“! Viel zu schnell ist die Zeit bei so viel stilvoller Kurzweil vergangenen. Auch ohne die kleine Pause sind inzwischen zwei Stunden vorüber, doch niemand findet sich, der sofort aufspringen und gehen muss. Also können noch zwei weitere Lieder her und eines davon, das sich einer südafrikanischen Rhythmik bedient, wird der abschließende Höhepunkt im „Wohnzimmer“ vom Moritzhof. Bei „Joburg 659“ steht DUMISANI MABASO hinter seinen minimalistischen Percussions auf und lässt mit einer kleinen Flöte ein Flair entstehen, das tatsächlich einen Hauch von afrikanischer Leichtigkeit und Lebensfreude in den Raum und diesen Abend holt. Einfach wundervoll! Minuten später ist es im „Wohnzimmer“ still, die Stuhlreihen leer. Wie meist in solchen Minuten, bleibe ich noch stehen, lasse das Erlebte nachklingen. Jetzt findet sich auch Gelegenheit, Stefan Wulff meine Geschichte vom Segeln mit „Vossi“ zu erzählen und als dessen Name fällt, sagt der: Klar doch, mit ihm bin ich sogar in Amerika gewesen.“ – Solche Geschichten kann man sich nicht ausdenken, die schreibt nur das Leben! Ist das nicht verrückt? Fast möchte ich sagen, danke „Vossi“, dass Du mich hierher zu dieser Band gebracht hast. Wieder einmal hat sich für mich ein Kreis geschlossen, habe ich mir einen Teil vom ganz persönlichen Glück einfangen dürfen. Schön, dass es solche Momente gibt, die andere, bittere, aufzuwiegen vermögen. Danke DAGEFOER für dieses besondere musikalische Erlebnis.