Lebensgefühl Rockmusik HH aus EE
Bagpipes und Whistle im Dom 02./03.07.2022 In diesem Jahr ist es die 12. Ausgabe von „Ton am Dom“, einer der schönsten Töpfermärkte, mit viel Keramik, kunstvoller Töpferei und kulinarischer Köstlichkeiten, der in Halberstadt den Domplatz füllt. Mehr als 50 Töpfermeister präsentieren ihr Handwerk, ihre Kunstfertigkeiten sowie außergewöhnliche Gestaltungsideen. Eingerahmt von der romanischen Liebfrauenkirche, mit ihren vier charakteristischen Türmen, und dem gotischen Dom, mit seinen Zwillingstürmen, flaniert man im Rausch der Sinne, die von besonderen Konzerterlebnissen in der Kathedrale ergänzt werden. Zudem präsentieren Museen, Bibliothek und der Dom ihre Schätze und Kostbarkeiten. Nach zwei Jahren Zwangspause ist mir heute, mich wieder ins Gewühl zu stürzen, aber auch, neue musikalische Abenteuer zu suchen. Im Programmheft finde ich eine Ankündigung: Folk, gespielt mit Chalumeau und Tin Whistle. Das liest sich sehr verführerisch und ich beschließe, mich darauf einzulassen. Das Flanieren über den Domplatz gestaltet sich nur kurz, denn Hoch Hartmut versprüht großzügig Hitze, dicke Warmluft und prahlt mit gleißenden Sonnenstrahlen. Im Dom hingegen empfängt mich angenehme Frische und ein Plätzchen in der zweiten Reihe wartet drauf, von mir erobert zu werden. Pünktlich zum 16.00 Uhr-Glockengeläut treten zwei Herren in Schwarz, mit Blockflöte und Pombarde, hinter einer der Säulen hervor. Was sich im ersten Moment wie ein steifes klassisches Flötenduett anfühlt, lockert ein Tambourin am Boden als Rhythmusgeber auf. Mit dem Fuß drauf zu treten, wäre einst nicht schicklich gewesen. Hier im Dom bekommt das kleine Flötenstück dadurch fast einen Touch von Pop. Ich muss lächeln und so vergesse ich, das kleine runde Ding am Fuße des Notenständers zu knipsen. Dafür lausche ich um so aufmerksamer den Ausführungen über einen gewissen Turlough O’Carolan, der, so habe ich gelesen, als größter irischer Nationalkomponist verehrt wird und ohne dessen Wirken es „heutige irische Folk-Musik nicht geben würde“, spricht Christian Lontzek, der Whistle-Spieler, den ich nach dem Konzert darauf anspreche. Als die Melodie “Carolan’s Draught“ erklingt, wird mir schnell klar, warum das so ist. Der Mann muss ein Genie gewesen sein. Von nun an lasse ich das Geschehen noch intensiver auf mich wirken. Das kleine, rund 250 Jahre alte Orgel-Positiv mit seinem dezenten Klang beeindruckt mich sehr. Man fand das Tasteninstrument im Jahre 1952 in der Oberlausitz und ließ es, ohne technische Veränderungen, restaurieren. Es klingt also heute genau so, wie damals. Wenn dann noch das Spiel zweier unterschiedlicher Flöten hinzukommt, dann klingt „Adieu les filles“ tatsächlich wie aus der Vergangenheit erwacht. Das Stück könnte ebenso bei einem Konzert von Horch aus Halle begeistern. Bei den anschließenden Improvisationen mit einer Chalumeau empfinde ich gleiches und verstehe einmal mehr, woher ein bekannter Rock- Gitarrist seine Inspirationen erhält. Als das Kurzkonzert mit „I’m Dreaming Of Home“, gespielt von Blockflöte, Orgel und Tin Whistle, ausklingt, noch dazu in der gigantischen Klanghalle dieses Domes, sind die Gedanken bei Freunden auf den Orkney Inseln. Da ahne ich, dass ich irgendwann in der St. Magnus Cathedral von Kirkwall stehen und heimische Musik hören möchte. Danke Christian Lontzek und C.-E. Heinrich für diese entspannende, aber auch nachdenkliche halbe Stunde im Dom. Wieder draußen, knallt mir eine Hitzewelle entgegen und grelles Sonnenlicht blendet für Sekunden die Augen. Was für ein Schock! Zwischen den Ständen, und von fremden Menschen geschubst, drehe ich noch eine Runde, esse eine Röstwurst vom Bison und verschiebe weitere Aktivitäten auf den nächsten Tag, einen Sonntag. Zur frühen Nachmittagsstunde ist ein Kurzkonzert mit den Cathedral Pipes, einem Dudelsackensemble aus Halberstadt (!), angekündigt. Das muss ich unbedingt besuchen. Es sind die Glocken des Doms, die auch diesmal wieder das Konzert eröffnen. In der ersten Reihe ist ein Plätzchen frei, die Reihen hinter mir sind bis auf den letzten Stuhl besetzt. Das Stimmen der Pipes bestaune ich aus nächster Nähe, dann nehmen die Damen und Herren, bekleidet mit knielangen Kilts, weißem Hemd plus Weste sowie einer Kopfbedeckung, Aufstellung. Alle warten gespannt, da erklingt aus Richtung der Tür das weltbekannte „Scotland The Brave“. Von dort laufen zwei Dudelsack-Spieler durch den Mittelgang vor zum Altar. Plötzlich steht jeder Zweite, Hände halten Handys nach oben und ich beobachte staunend den Einzug zu einer der (inoffiziellen) schottischen Nationalhymnen, welche die Tapferkeit der Schotten feiert. Das Konzert der Schotten kann beginnen, doch zunächst heißt es „Nun danket alle Gott“, gespielt von C.-H. Heinrich auf der großen Orgel des Doms. Ein wenig Zeit, in Ruhe die eigenen Gefühle zu sortieren. Dann wird es schottisch. Die Halberstädter Cathedral Pipes stehen direkt vor der ersten Reihe. Deren Klang bekomme ich aus nächster Nähe in die Ohren und beim Sound von „Greenhills Of Tyrol“ eine Gänsehaut zusätzlich. Ich liebe diesen Sound, dem etwas Majestätisch-Magisches anhaftet und einen Touch Zauberei und Sagenwelt versprüht, jedenfalls für mich. In „When The Battles Is Over“ schwingt eine besondere Gefühlswelt mit, gänzlich abseits von Vierviertel und Gleichschritt. Einfach wundervoll. Um wieder etwas Ruhe spüren zu können, übernimmt die Orgel das Zepter und füllt den Kirchenraum bis unter die Kuppel aus. Als der Nachhall entschwunden, der Beifall abgeklungen ist, präsentieren die deutschen Schotten das Verlassen der „Barren Rocks Of Aden“, eine kleine Freudenhymne der etwas anderen Art, sowie zwei weiteres schillernde Tunes. Die klingen nicht nur zauberhaft, sondern das Bild vor mir strahlt ebenso Magie aus: Schottenröcke und Pfeifen vor dem Inneren eines Gotteshauses, das in seiner sakralen Größe Respekt einfordert, der Musik aber für diesen Moment den Vortritt lässt. Die Dramaturgie des Augenblicks kann überwältigen. Mich jedenfalls und für kurze Zeit. Noch einmal hören und genießen wir den Orgelklang, doch das Ende naht schon. Der Ausklang wird, welch ein Wunder, vom legendären „Amazing Grace“ übernommen. Diese filigrane Melodie von Orgel und Dudelsack, hoch über unseren Köpfen gespielt, zu erleben, geht mir tief unter die Haut. Anderen schein es ebenso zu ergehen. Es fühlt sich an wie eine Hymne, auf wen auch immer. Ich nehme diese Momente als Geschenk. Die Bagpipes präsentieren ihre Möglichkeiten, entfalten ihren wahren Zauber und für diesen Wimpernschlag scheint die Welt da draußen in Ordnung. Als langjähriger Sammler von Vinyl findet sich natürlich auch Platten der Military Band Of The Royal Scots Dragon Guards in meiner Sammlung, darunter Versionen von „Scotland The Brave“ und „Amazing Grace“. Diese Stücke im Dom von Halberstadt live hören zu können, die ganz besondere Akustik dieses beeindruckenden Raumes zu erleben, ist für mich in diesen Minuten ein sehr emotionales Ereignis. Es überwältigt mich und es wird lange nachklingen. Deshalb: DANK den „Cathedral Pipes“ für dieses feine Konzert und DANKE auch für das spontane Foto danach, draußen vor dem herrlichen Portal. Ihr habt mir eine große Freude bereitet – gerne auch ein zweites (oder auch drittes) Mal.